Verhaltensökonomie & Compliance

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Regelkonformes Verhalten sollte nicht nur durch klassische Verbote und Strafen erzwungen werden. Im Bereich präventiver Maßnahmen kann sich moderne Compliance der jungen Wissenschaft der Verhaltensökonomie bedienen, um korruptem Verhalten vorzubeugen und es auf ein Minimum zu reduzieren oder zu verhindern.

In den letzten Jahren wurde der Begriff Compliance zunehmend mit Korruptionsskandalen und Wirtschaftskriminalität in Verbindung gebracht. Der Grund hierfür liegt vielfach in korrupten und unehrlichen Verhaltensweisen von Mitarbeitern, aber vor allem auch des Managements. Um diesem Verhalten entgegenzuwirken, implementieren immer mehr Unternehmen Compliance-Management-Systeme. Sie dienen den Mitarbeitern als Leitfaden für regelkonformes und ethisch korrektes Verhalten und Handeln. Das Problem ist allerdings, dass viele Compliance-Management-Systeme weder praxisbezogen noch mitarbeiterorientiert aufgebaut und implementiert sind. Dem- entsprechend werden sie in den Unternehmen nicht effizient umgesetzt und gelebt. Stattdessen bilden sie oftmals nur noch einen weiteren theoretischen internen Regelkatalog. Clevere Compliance setzt auf Prävention und damit früher ein. Somit können Skandale verhindert werden und die Mitarbeiterzufriedenheit steigt. Kun- den werden langfristig gebunden. Das Unternehmen genießt weiterhin Ansehen.

Was ist Verhaltensökonomie?

Die Wissenschaft der Verhaltensökonomie ist ein relativ junges Feld, deren Erforschung noch am Anfang steht. Allerdings birgt sie bereits heute viel Potenzial. Verhaltensökonomie nutzt Methoden der Ökonomie und Psychologie, um das grundlegen- de Entscheidungsverhalten von Individuen besser verstehen zu können – z. B., warum sich Individuen in manchen Situationen unehrlich oder sogar korrupt verhalten. Oder warum Menschen mitunter völlig irrationale Entscheidungen treffen.

Im Folgenden sollen ein paar praktische Hinweise zur Umsetzung von Compliance gegeben werden, die sich mit den Ergebnissen der Verhaltensökonomie harmonisieren lassen und sich in der Praxis bewährt haben.

Gelegenheit macht Diebe

Diverse Experimente, die Dan Ariely und Kollegen in seinem Buch „The (honest) truth about dishonesty“ beschreiben, zeigen, dass Testpersonen regelmäßig die Möglichkeit zu Betrug nutzen, wenn sie sich unbeobachtet glauben.

  • In einem Experiment wurden Testpersonen gebeten, einfache Aufgaben zu lösen und ihre Ergebnisse auf einem Arbeitspapier niederzuschreiben. Für jede richtige Antwort wurden den Testpersonen ein bestimmter Geldbetrag versprochen. Dabei sollte eine Hälfte der Testpersonen ihr Arbeitspapier abgeben und die Anzahl der richtigen Antworten durch Auswertung eines Supervisors bestimmt wer- den. Die andere Hälfte der Testpersonen durfte ihr Arbeitspapier schreddern und die richtigen Antworten dem Supervisor mündlich mitteilen. Der zweiten Gruppe der Testpersonen wurde Raum zum Betrug gelassen. Tatsächlich war der Schredder manipuliert und die Richtigkeit der gegebenen Antworten konnte im Nachgang überprüft werden. Das Ergebnis: vielfacher Betrug.
  • Dieses banale wie unterschätze Phänomen ist in der Wirtschaftskriminologie als sogenanntes „Fraud-Triangle“ bekannt. Es beschreibt, unter welchen Voraussetzungen Menschen dolose Handlungen begehen. Eine davon ist die „Gelegenheit“, das heißt die grundsätzliche Möglichkeit, eine kriminelle Handlung zu begehen, ohne dabei ertappt zu werden. Ganz getreu der altbekannten Binsenweisheit „Gelegenheit macht Diebe“.
  • Ein weiteres Beispiel ist das „Mona-Lisa“- Experiment. In der Küche einer Universität wurde für die Dauer von 10 Wochen ein Blatt Papier ausgehängt mit der Bitte, die Nutzung von Kaffee und Tee durch einen Obolus in der Kaffeekasse zu würdigen. Für die Hälfte der Zeit war der Hin- weis mit Blumenstickern dekoriert. Die Kaffeekasse blieb fast leer. Für die andere Hälfte der Zeit wurde der Aushang mit emotionalisierenden Augenpaaren geziert. Während der zweiten Hälfte des Experiments verdreifachte sich der Inhalt der Kaffeekasse.

In einer Reihe anderer Experimente wurde aufgezeigt, dass erwünschte Verhaltensmuster besser erreicht werden, wenn den Testpersonen ihr integres Selbstbild ins Bewusstsein gerufen wird. So schummelten Studenten nicht, wenn ihnen vor dem Test mitgeteilt wurde, dass dieser dem Ehrenkodex der Universität unterliege. Auch sank die Betrugsneigung gegen null, wenn die Testpersonen vor dem Experiment die zehn Gebote aufzählen mussten.

Wenn in diesen Experimenten festgestellt wurde, dass z. B. das Gefühl, beobachtet zu werden, unangebrachtes Verhalten verhindern kann, bedeutet dies im Umkehrschluss natürlich nicht, dass Mitarbeiter stetig kontrolliert und überwacht werden müssen. Vielmehr können Unternehmen sich dieses Wissen zunutze machen und die „schwachen Momente“ eines jeden Individuums durch präventive Maßnahmen auf ein Minimum reduzieren. Dennoch sind die Ergebnisse der Experimente auch ein Indiz dafür, dass klare Prozesse, das 4-Augen-Prinzip und ein Monitoring gewährleistet sein müssen.

Kleine Anstupser – große Wirkung

Beim Nudging werden Personen durch kleine Stupser (sog. Nudges) zu einem gewünschten Verhalten angeregt. Nudging dient folglich als Methode zur Veränderung von gewohntem und eingeprägtem Entscheidungsverhalten. Dabei kommen weder Regel, Vorschriften noch Verbote – sondern eher Gebote – zum Einsatz und die Entscheidungsfreiheit eines jeden Einzelnen wird gewahrt.

Die häufig komplexen und undurchsichtigen Compliance-Management-Systeme machen es für Mitarbeiter schwer, Regeln und Vorgaben zu folgen. Zudem müssen Entscheidungen meistens schnell getroffen werden. Da nicht viel Zeit zum Nachdenken bleibt, greift der Mensch auf bekannte Entscheidungsmuster zurück. Wichtig wäre in diesem Fall, dass der Mitarbeiter – gerade in kritischen Entscheidungssituationen – schon durch diverse Fallübungen geschult wurde. Die Fallübungen können als kleiner Nudge große Wirkung erzeugen.

Ein weiterer großer Erfolgsfaktor kann auch sein, den Hebel der Technologie und Automatisierung zu nutzen. Anstatt langwierige und umständliche Compliance- Geschenkerichtlinien einzuführen, sollte dieser Prozess digitalisiert werden. Mitarbeiter müssen sich somit nur noch einloggen, geben die entsprechenden Konstellationen ein und eine Entscheidung wird für sie ausgeworfen.

Fazit

Die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie sollten nicht unterschätzt werden und können sehr gut im Rahmen der Entwicklung eines Compliance-Management-Systems berücksichtigt und in den Unternehmensalltag implementiert werden. Dementsprechend können Unternehmen bspw. durch die Implementierung simpler Nudge-Prinzipien  ihre  Compliance-Workflows  und -Prozesse anpassen, verbessern, vereinfachen, sodass dem Weg der Compliance am einfachsten zu folgen ist. Genauso unerlässlich sind kontinuierliche Schulungen, um das integre Selbstbild eines jeden Einzelnen zu stärken oder durch ein Training mit Fallbeispielen Verhaltensmuster einzuüben, so- dass Mitarbeiter auf bekannte Strukturen zurückgreifen können. Zudem lesen sich die Fachaufsätze und Bücher Dan Arielys und Richard Thalers wie kurze Kriminalgeschichten und eignen sich gut als Lektüre auf der nächsten Dienstreise.

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Über den Autor

Colline Jux

Master of Law, Certified Compliance Officer, Editorial Manager Compliance in der Haufe Gruppe

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