{"id":23028,"date":"2023-04-20T09:59:41","date_gmt":"2023-04-20T07:59:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.haufe-akademie.de\/blog\/?p=23028"},"modified":"2023-04-20T13:53:03","modified_gmt":"2023-04-20T11:53:03","slug":"betriebliches-eingliederungsmanagement-bem-in-der-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.haufe-akademie.de\/blog\/themen\/gesundheit\/betriebliches-eingliederungsmanagement-bem-in-der-praxis\/","title":{"rendered":"Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) in der Praxis"},"content":{"rendered":"<p>Wie funktioniert BEM konkret in der Praxis eines mittelst\u00e4ndischen Unternehmens? Julia Hindorf, BEM-Koordinatorin bei der Haufe Group, \u00fcber die Bereitschaft der Mitarbeiter:innen, am BEM teilzunehmen, Lessons Learned und einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess im BEM.<\/p>\n<h2>Frau Hindorf, k\u00f6nnen Sie uns bitte einen typischen BEM-Prozess in Ihrem Unternehmen beschreiben?<\/h2>\n<p>Zum BEM werden bei uns \u2013 wie es vom Gesetzgeber vorgeschrieben ist \u2013 alle Kolleg:innen eingeladen, die innerhalb von 12 Monaten 6 Wochen arbeitsunf\u00e4hig waren. Dazu werten wir regelm\u00e4\u00dfig aus, welche Kolleg:innen diese Anzahl an Krankheitstagen erreicht haben und laden dann auf dem Postweg an die Heimadresse zum BEM-Gespr\u00e4ch ein. Das Gespr\u00e4ch ist nat\u00fcrlich immer nur ein Angebot. Manchmal besteht individuell kein Bedarf oder die Kolleg:innen haben f\u00fcr sich gute Gr\u00fcnde, nicht am BEM teilzunehmen. Wird die Einladung angenommen, organisieren wir BEM-Koordinatorinnen einen Termin zum Erstgespr\u00e4ch, an dem neben dem:der Mitarbeiter:in je nach individuellem Wunsch auch Betriebsrat, Schwerbehindertenvertretung, F\u00fchrungskraft oder andere Vertrauenspersonen innerhalb des Unternehmens teilnehmen. Erg\u00e4nzend dazu k\u00f6nnen <a href=\"https:\/\/www.haufe-akademie.de\/blog\/themen\/gesundheit\/betriebliches-gesundheitsmanagement-massnahmen-und-weiterbildungsmoeglichkeiten\/\">BEM-Prozesse auch eigeninitiativ als pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahme<\/a> durch Mitarbeitende auf den Weg gebracht werden. Niemand muss warten, bis er oder sie \u201elange genug\u201d krank war, um das BEM zu nutzen.<\/p>\n<p>Im Rahmen des Gespr\u00e4chs werden zun\u00e4chst Fragen gekl\u00e4rt und die Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit im BEM besprochen. Inhaltlich dient es prim\u00e4r dem Zweck, ung\u00fcnstige Einflussfaktoren im beruflichen Umfeld der:des teilnehmenden Kolleg:in zu identifizieren und nach M\u00f6glichkeit durch eine entsprechende Umgestaltung aus der Arbeitsunf\u00e4higkeit heraus zu helfen oder einer erneuten Arbeitsunf\u00e4higkeit vorzubeugen. Die langfristige Gesundheit von Mitarbeitenden ist ein gemeinsames Anliegen von Arbeitnehmenden und Arbeitgeber.<\/p>\n<h2>Wer wird bei Ihnen in den BEM-Prozess mit eingebunden?<\/h2>\n<p>Wer am BEM mitwirkt, bestimmt der:die betreffende Mitarbeitende. Gesetzt ist lediglich der:die BEM-Koordinator:in. H\u00e4ufig sind au\u00dferdem Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung mit einbezogen. Die Erfahrung zeigt au\u00dferdem, dass F\u00fchrungskr\u00e4fte oft sinnvolle Gespr\u00e4chsteilnehmer:innen sind, da sie ma\u00dfgeblich Einfluss auf die Arbeitsbedingungen der betreffenden Mitarbeiter:innen nehmen k\u00f6nnen. So sind sie wichtige Unterst\u00fctzer:innen f\u00fcr ein gelungenes BEM. Auch unsere Betriebs\u00e4rztin und unser Arbeitspsychologe sind gelegentlich mit eingebunden. Wer am Ende mitwirkt, bestimmt aber immer die betreffende Person selbst.<\/p>\n<h2>Ab wann gilt bei Ihnen der BEM-Prozess als abgeschlossen?<\/h2>\n<p>\u00dcber den Abschluss des BEM-Prozesses bestimmt das BEM-Team gemeinsam mit der betreffenden Person. Manchmal wird schon im Erstgespr\u00e4ch deutlich, dass der:die Kolleg:in bereits bestm\u00f6glich f\u00fcr sich Sorge tragen konnte und derzeit keine weitere Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigt wird. Manchmal erstreckt sich der Prozess auch \u00fcber mehrere Monate. Wir halten diesen in der Regel so lange offen, bis der \u00dcbergang zur\u00fcck an den Arbeitsplatz individuell durch den:die Teilnehmer:in als erfolgreich abgeschlossen bewertet wurde oder alternative M\u00f6glichkeiten der beruflichen Entwicklung sowohl intern wie auch extern gefunden wurden. Die erneute Aufnahme des BEM kann jederzeit auf Initiative der:der Mitarbeitenden erfolgen.<\/p>\n<h2>Welche sind f\u00fcr Sie die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen in BEM-Gespr\u00e4chen?<\/h2>\n<p>Einer der herausforderndsten Aspekte ist, wenn sich im BEM abzeichnet, dass die Zusammenarbeit zwischen dem:der BEM-Teilnehmer:in und dem Arbeitsumfeld schon vor der Erkrankung unbefriedigend oder belastet war, es aber bisher vers\u00e4umt wurde, dar\u00fcber gut im Gespr\u00e4ch zu sein und die Entwicklung im Blick zu haben. Ist das der Fall, kann sich Perspektivlosigkeit und eine mangelnde Bereitschaft, zu diesem unzufriedenstellenden Zustand zur\u00fcckzukehren, einstellen.<\/p>\n<p>Auch die fehlende Erfahrung im Umgang mit psychischen Erkrankungen und die damit einhergehende Verunsicherung unter F\u00fchrungskr\u00e4ften und Kolleg:innen sind manchmal herausfordernd. Hier gilt es, zu informieren und das gegenseitige Verst\u00e4ndnis zu st\u00e4rken, um wieder Vertrauen in eine langfristige, tragf\u00e4hige Zusammenarbeit zu gewinnen.<\/p>\n<h2>Welche Chancen bietet BEM?<\/h2>\n<p>Das BEM bietet die Chance, sich in gesundheitlich belastenden Arbeitssituationen, oder auch auf dem manchmal mehr, manchmal weniger anspruchsvollen Weg zur\u00fcck an den Arbeitsplatz, die verdiente Unterst\u00fctzung zu holen. Dazu geh\u00f6rt neben der Begleitung und Moderation des Prozesses die Erfahrung des BEM-Teams, aber auch die verschiedenen Kompetenzen und das Fachwissen, das die Mitwirkenden dar\u00fcber hinaus einbringen. Das BEM macht einen Raum auf, in dem \u00fcber Gesundheit und Krankheit am Arbeitsplatz gesprochen werden kann und ressourcenorientiert auf Gelingendes und Entwicklungsfelder geschaut werden kann. Es k\u00f6nnen diejenigen Personen zusammenkommen, die hilfreich Einfluss auf die Gestaltung des Arbeitsfelds nehmen k\u00f6nnen, um somit langfristig zur Gesundheit beizutragen.<\/p>\n<h2>Wie hoch ist die Bereitschaft der Mitarbeiter:innen, an einem BEM-Prozess teilzunehmen?<\/h2>\n<p>In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Zusagen zum BEM etwa bei einem Drittel eingependelt. Das klingt zun\u00e4chst nicht viel und l\u00e4sst Raum f\u00fcr Interpretation offen. Wir sind als BEM- Koordinator:innen nat\u00fcrlich \u00fcberwiegend mit denjenigen Kolleg:innen in Kontakt, die Bedarf, Interesse und Bereitschaft zu einem Gespr\u00e4ch mitbringen. Manchmal rufen Kolleg:innen aber auch an, weil sie Fragen zur Einladung haben oder weil sie uns mitteilen m\u00f6chten, weshalb sie das Gespr\u00e4ch gerade nicht in Anspruch nehmen m\u00f6chten. Mein Eindruck ist: Wer mit uns spricht, egal ob es in einem BEM-Prozess oder eben auch nur kurz am Telefon ist, macht gute Erfahrungen. Das w\u00fcrde ich mir f\u00fcr alle Kolleg:innen w\u00fcnschen. Gleichzeitig bleibt das BEM aber auch ein freiwilliges Angebot. Da ist Hartn\u00e4ckigkeit im Nachfragen nicht angebracht. Eine Absage oder ausbleibende R\u00fcckmeldung muss auch kein negatives Signal sein. Viele Kolleg:innen, die wir zum <a href=\"https:\/\/www.haufe-akademie.de\/blog\/themen\/gesundheit\/die-10-haeufigsten-fehler-im-bem-und-wie-sie-sie-vermeiden\/\">BEM einladen<\/a>, haben schlicht auch gerade keinen Gespr\u00e4chsbedarf, da sie bereits gut f\u00fcr sich Sorge tragen konnten und somit aktuell unsere Unterst\u00fctzung nicht ben\u00f6tigen.<\/p>\n<h2>Gab es bei Ihnen im Laufe der Zeit einen AHA-Effekt oder ein bestimmtes Learning zum Thema BEM?<\/h2>\n<p>Eine hilfreiche Erkenntnis war zum Beispiel, dass es gar nicht in jedem BEM darum geht, bahnbrechend neue L\u00f6sungen zu entwickeln und Antworten auf die Fragen des BEM-Teilnehmers bzw. der BEM-Teilnehmerin zu geben. Ein wesentlicher Beitrag ist auch, die bisherigen L\u00f6sungsbem\u00fchungen und in vielen F\u00e4llen auch bereits eingetretenen Erfolge hervorzuheben und zu w\u00fcrdigen. Verbesserungen in der Arbeitswelt werden ja nicht ausschlie\u00dflich durch das BEM, sondern eben auch an vielen anderen Stellen, insbesondere auch durch die Betroffenen selbst und ihr Unterst\u00fctzersystem, herbeigef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wir haben gelernt, uns in den BEM-Teams in unseren unterschiedlichen Professionen gut einzubringen und gegenseitig einen guten Platz zu erm\u00f6glichen. Neben einer gelingenden Gespr\u00e4chsf\u00fchrung, ressourcenorientierter Haltung und einem systemischen Grundverst\u00e4ndnis tragen alle Beteiligten mit ihrer individuellen Expertise zu einer guten Praxis bei.<\/p>\n<h2>Haben Sie Tipps und Empfehlungen f\u00fcr Unternehmen, die mit ihrem BEM-Prozess noch ganz am Anfang stehen?<\/h2>\n<p>F\u00fcr uns ist entscheidend, die BEM-Praxis kontinuierlich weiterzuentwickeln. Wir bitten die Teilnehmenden um eine R\u00fcckmeldung, wie sie das BEM erlebt haben, was f\u00fcr sie hilfreich war und wie wir sie noch besser h\u00e4tten unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Gemeinsam mit allen Mitwirkenden des BEM f\u00fchren wir au\u00dferdem regelm\u00e4\u00dfige Lessons Learned-Termine durch, um im Vorgehen und der Kommunikation \u00fcber das BEM Verbesserungen zu entwickeln. Das w\u00fcrde ich auch jedem Unternehmen empfehlen, das BEM neu einf\u00fchrt: man startet vielleicht nicht mit dem \u201eperfekten\u201c Vorgehen, aber anhand der R\u00fcckmeldungen und einer Lernhaltung kann man die eigene BEM-Praxis kontinuierlich weiterentwickeln und so, abgestimmt auf die Zielgruppe, die vorherrschende Kultur in der Organisation und die eigenen Anspr\u00fcche verbessern.<\/p>\n<p><strong>Frau Hindorf, wir danken Ihnen f\u00fcr die interessanten Einblicke in Ihre Arbeit!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie funktioniert BEM konkret in der Praxis eines mittelst\u00e4ndischen Unternehmens? Julia Hindorf, BEM-Koordinatorin bei der Haufe Group, \u00fcber die Bereitschaft der Mitarbeiter:innen, am BEM teilzunehmen, Lessons Learned und einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess im BEM. Frau Hindorf, k\u00f6nnen Sie uns bitte einen typischen BEM-Prozess in Ihrem Unternehmen beschreiben? 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