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KI im Führungsalltag: „Die Führung der Zukunft wird digitaler und zugleich menschlicher“

KI im Führungsalltag: „Die Führung der Zukunft wird digitaler und zugleich menschlicher“

Barbara Liebermeister leitet das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ) und begleitet Führungskräfte dabei, KI sinnvoll in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Im Gespräch erklärt sie, warum KI nicht nur ein Effizienzwerkzeug ist, weshalb Führung trotz aller Technologie zutiefst menschlich bleibt – und wie man KI als persönlichen Sparringspartner nutzt.

KI für Führungskräfte: Wie der Einstieg im Alltag gelingt

Barbara Liebermeister, womit sollten Führungskräfte anfangen, wenn sie KI in ihren Alltag integrieren wollen?

Barbara Liebermeister: Mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme beginnen. Welche meiner Aufgaben sind textbasiert und wiederholen sich regelmäßig? Ob LinkedIn-Posts, Berichte oder Strategiepapiere – all das sind Bereiche, in denen KI sofort entlasten kann. Der zweite Schritt ist, KI als Ideengeber zu nutzen. Viele Führungskräfte sitzen vor dem weißen Blatt und blockieren sich selbst. Genau da kann KI helfen. Wichtig dabei: immer kritisch bleiben. KI kann halluzinieren – das ist keine Schwäche, sondern strukturell bedingt, weil dieselbe Eigenschaft sie überhaupt erst kreativ macht. Ohne ein gewisses Maß an Konfabulieren, dem spontanen Ergänzen von Lücken mit schlüssig wirkenden, aber nicht verifizierten Inhalten, wäre das System gar nicht kreativ. Also: Quellen prüfen, Ergebnisse gegenlesen, nie blind übernehmen.

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„Garbage in, garbage out“ – gilt das auch für Führungskräfte im Umgang mit KI?

Barbara Liebermeister: Absolut. Je schwammiger ich formuliere, umso schwammiger ist das Ergebnis – das sage ich genau so zu meinen Seminar-Teilnehmenden. Ich vergleiche das gerne mit dem Einarbeiten einer oder eines neuen Mitarbeitenden oder Azubis: Je mehr Zeit und Sorgfalt ich in das Briefing stecke, desto besser das Ergebnis. Wer KI wie früher Google behandelt – ein Stichwort reinwerfen und hoffen – wird enttäuscht sein. Wer hingegen Kontext liefert, die Aufgabe kapselt und iteriert, bekommt echten Mehrwert. Mein Tipp: Funktionierende Prompts ablegen und wiederverwenden. Das ist ein unterschätzter, aber enorm wirkungsvoller Schritt, der im Alltag einen echten Unterschied macht.

KI als Sparringspartner: Wie Führungskräfte KI gezielt für Feedback nutzen

Du nutzt KI auch als Sparringspartner – wie genau funktioniert das?

Barbara Liebermeister: Das ist mein persönlicher Favorit. Ich lasse meine KI Rollen einnehmen – zum Beispiel die einer Personalentscheiderin, die geneigt ist, mein Angebot abzulehnen. Was fällt ihr auf? Danach kann ich sie auch noch in die Rolle des Juristen oder des Nutzers schlüpfen lassen: Findest du das Seminar ansprechend genug formuliert? So bekomme ich verschiedene Perspektiven auf ein und dasselbe Dokument. Das geht noch weiter: Wenn ich konkret frage – nicht nach Lob, sondern nach echter Kritik – zeigt mir KI meine blinden Flecken. Sie wird damit zum Spiegel. Voraussetzung ist ein klarer Prompt: Ich sage ausdrücklich „Ich will keine Schmeichelei, ich will eine kritische Stellungnahme.“

Macht KI Führungskräfte bequemer – oder sogar schlechter?

Barbara Liebermeister: Das Risiko ist real. Weil KI mittlerweile auf den ersten Blick so gute Ergebnisse liefert, sind Menschen geneigt, nicht mehr zu verifizieren und übernehmen den Output eins zu eins. Das beobachte ich auch in den sozialen Medien: Wer KI-generierte Posts nicht überarbeitet, ist sofort erkennbar. Ich selbst lasse meinen KI-Assistenten einen Post erarbeiten, schneide aber dann ganze Sätze raus, lasse Formulierungen ändern, bearbeite das Stakkato, das KI manchmal an den Tag legt. Der Output muss durch den eigenen Kopf. Das kostet Zeit – aber nur so bleibt der menschliche Fingerabdruck sichtbar.

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KI und Führung: Warum menschliche Führungskompetenz wichtiger wird

Du sagst auch, Führung wird digitaler und gleichzeitig menschlicher. Wie passt das zusammen?

Barbara Liebermeister: Das ist ein Paradox, das wir ernst nehmen müssen. Je digitaler unsere Rahmenbedingungen werden, desto mehr will der Mensch Berührungspunkte haben – will Mensch spüren. Studien zeigen zum Beispiel, dass algorithmische Entscheidungen – etwa bei Kreditprüfungen – durchaus akzeptiert werden. Eine Ablehnung eines Kredits durch eine KI? Den Menschen ist das egal. Aber wenn sie den Kredit bekommen, soll es sich nicht wie KI anfühlen. Das hat mit Identität und Lebensgefühl zu tun. Führung ist und bleibt Beziehungsarbeit. Kein Team geht die Extrameile, weil die KPIs stimmen. Die Extrameile entsteht nur, wenn Menschen das Gefühl haben, dass eine echte Beziehung da ist – zu ihrer Führungskraft, zu ihrem Team.

Was fehlt Führungskräften heute noch am meisten im Umgang mit KI?

Barbara Liebermeister: Strategische Tiefe. Die meisten probieren KI aus – das ist gut, aber es ist keine Strategie. Die eigentliche Frage lautet: Was ist die Aufgabe unserer Abteilung und wie kann KI das mittel- und langfristig potenzieren? Wie schaffen wir Dinge, die wir allein gar nicht geschafft hätten? Das wäre eine Vision. Was ich stattdessen sehe, ist viel Herumprobieren ohne Richtung. Dazu gehört auch: ein Grundverständnis für KI entwickeln, wissen, welche Datenqualität im eigenen Bereich vorliegt und dann gezielt entscheiden: Wo greift KI sinnvoll? Und wo lasse ich lieber Menschen ran? Das nenne ich Alpha Synergy – die Balance zwischen Mensch und Maschine.

Ein letzter Satz für alle Führungskräfte, die noch zögern?

Barbara Liebermeister: Fangt schnellstens an, euch mit dieser wunderbaren Technologie auseinanderzusetzen – sonst wird der Gap nachher zu groß, um aufzuholen. Und das sage ich positiv gemeint, aber durchaus dringlich.


Barbara Liebermeister
ist Managementberaterin, Autorin und Speakerin zu Leadership im digitalen Zeitalter. Sie gründete das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ) in Wiesbaden, das Führungskräfte und Organisationen bei der Entwicklung moderner Führungskompetenzen begleitet. Als Wirtschaftswissenschaftlerin beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Führung und Zusammenarbeit unter den Bedingungen der Digitalisierung erfolgreich gestaltet werden können.