Der Voluntary Sustainability Reporting Standard for non-listed SMEs (VSME) ist der von der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) entwickelte freiwillige Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung nicht börsennotierter KMU. Seit dem 3. Juli 2026 liegt zusätzlich ein neuer Voluntary Standard der Europäischen Kommission vor, der auf dem VSME aufbaut und den Value Chain Cap für Unternehmen bis 1.000 Beschäftigte festlegt. In diesem Beitrag erfährst du, was hinter beiden Standards steckt, welche Module und Anforderungen gelten, welchen Nutzen sie in Lieferkette und Finanzierung stiften und wie du die Umsetzung aufsetzt.
VSME: Das Wichtigste in Kürze
- Freiwilliger Rahmen mit Struktur: Der VSME strukturiert Nachhaltigkeitsinformationen für kleinere Unternehmen so, dass sie nützlich bleiben, ohne in die Vollkomplexität der ESRS zu kippen.
- Neue Rechtswirkung seit Juli 2026: Der per Delegated Act verabschiedete Voluntary Standard richtet sich an Unternehmen bis 1.000 Beschäftigte und dient als Referenz für den gesetzlichen Value Chain Cap.
- Modulare Logik: Das Basic Module bildet die Mindestbasis mit den Angaben B1 bis B11, das Comprehensive Module ergänzt gezielt Datenpunkte für Banken, Investor:innen und Unternehmenskund:innen.
- Nutzen in Lieferkette und Finanzierung: Der Standard bündelt fragmentierte ESG-Anfragen, deckt die Datenbedarfe von Banken und Investor:innen ab und erleichtert damit den Zugang zu Finanzierung.
- Aufwand im ersten Jahr einplanen: Die EFRAG-Kosten-Nutzen-Analyse zeigt negative Nettoeffekte im ersten Jahr, weil Datenhaushalt, Prozesse und Zuständigkeiten erst entstehen müssen.
Vom VSME zum Voluntary Standard: Die Entwicklung seit 2024
Der VSME ist ein freiwilliger Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung, den EFRAG im Dezember 2024 veröffentlicht hat. Die Europäische Kommission hat ihn am 30. Juli 2025 per Empfehlung aufgegriffen. Anders als die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) hatte er ausdrücklich keine eigene Rechtswirkung und war auf nicht börsennotierte Mikrounternehmen sowie kleine und mittlere Unternehmen zugeschnitten.
Am 3. Juli 2026 hat die Kommission zusätzlich einen neuen Voluntary Standard per Delegated Act verabschiedet. Er basiert auf dem VSME, richtet sich an Unternehmen mit höchstens 1.000 Beschäftigten und erfüllt rechtlich eine andere Funktion. Er ist die Referenz für den Value Chain Cap, also die Obergrenze dessen, was CSRD-berichtspflichtige Unternehmen zu Zwecken der Nachhaltigkeitsberichterstattung von kleineren Geschäftspartner:innen anfordern dürfen.
Inhaltlich ist die Kontinuität größer als die Veränderung. Der neue Standard übernimmt die modulare Logik, bleibt an die ESRS angelehnt und fügt laut Kommissionsdokumentation weder neue Module noch zusätzliche Datenpunkte hinzu. Für Unternehmen mit 10 Beschäftigten oder weniger sind einzelne wesentliche Angaben als freiwillig markiert, der Value Chain Cap fällt hier entsprechend enger aus. Gelten soll der Standard für Geschäftsjahre ab dem 1. Januar 2027.
Basic und Comprehensive Module: Der Aufbau beider Standards
Die Struktur ist bewusst einfach gehalten. Das Basic Module umfasst die Grundangaben B1 bis B11 und deckt Basisinformationen, Umweltmetriken, Sozialmetriken und Governance-Angaben ab. Für Mikrounternehmen ist es der Zielansatz, für alle anderen Unternehmen die Mindestbasis.
Das Comprehensive Module setzt darauf auf und ergänzt Offenlegungen, die Banken, Investor:innen und Unternehmenskund:innen besonders häufig zusätzlich anfragen. Es darf erst auf das Basic Module aufsetzen. Diese Modul-Logik gibt dir die Freiheit, klein zu starten und nur dann zu erweitern, wenn Finanzierer:innen, Konzernkund:innen oder deine eigene Strategie mehr Tiefe verlangen.
Weniger Fragebögen, besserer Finanzierungszugang
Der größte praktische Nutzen liegt in der Standardisierung. EFRAG und Kommission beschreiben den Standard ausdrücklich als Antwort auf die Vielzahl unkoordinierter und sich überschneidender ESG-Fragebögen, die Banken, Investor:innen und große Unternehmen an kleinere Geschäftspartner:innen senden. Der neue Voluntary Standard setzt hier schärfer an: Für Anfragen zu Zwecken der Nachhaltigkeitsberichterstattung gilt eine rechtliche Obergrenze statt nur guter Praxis.
Für die Finanzierung wirkt der Standard als Zugangsformat. Beide Fassungen sollen die Datenbedarfe von Banken und Investor:innen abdecken. Ein Nachhaltigkeitsbericht nach diesem Rahmen reduziert Reibung in Kreditgesprächen, bei Investorennachfragen und in Einkaufsprozessen. EFRAGs Bericht zur Marktakzeptanz nennt verbesserten Zugang zu Finanzierung, Kostenoptimierung und strategische Vorteile als beobachtete Nutzen.
Ein dritter Effekt wird oft unterschätzt. Die Kommission nennt bessere Steuerung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen, höhere Resilienz und mehr Wettbewerbsfähigkeit als ausdrückliche Ziele. Viele Unternehmen setzen bereits Maßnahmen um, verbinden sie aber nicht mit Daten, Nachhaltigkeitszielen und Verantwortlichkeiten in einem strukturierten Bericht.
Der Voluntary Standard als Einstieg in künftige Berichtspflichten
Der Standard fragt dieselben Nachhaltigkeitsthemen ab wie die ESRS, angepasst an die Größe kleinerer Unternehmen. Damit eignet er sich als Vorstufe für Unternehmen, die heute noch keine Berichtspflichten treffen, aber mittelfristig regulatorische, bankenseitige oder kundenseitige Anforderungen erwarten. Fällst du später doch unter die CSRD oder strengere Lieferkettenanforderungen, startest du nicht bei null.
Der neue Voluntary Standard verstärkt diese Funktion. Da er keine neuen Module und keine zusätzlichen Datenpunkte einführt, sinkt das Risiko, heute in ein Format zu investieren, das morgen neu gebaut werden muss.
Grenzen von VSME, Voluntary Standard und Value Chain Cap
Weder VSME noch der neue Voluntary Standard sind ein Null-Aufwand-Format. Die EFRAG-Kosten-Nutzen-Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass die Nettoeffekte im ersten Jahr negativ ausfallen, weil Implementierungskosten anfallen. Dieselbe Analyse weist darauf hin, dass der VSME in Teilen breiter ist als viele heute verwendete ESG-Fragebögen.
Auch der Schutz durch den Value Chain Cap hat klare Grenzen. Er greift für Anfragen zu Zwecken der Nachhaltigkeitsberichterstattung, ersetzt aber keine Informationspflicht aus Finanzierung oder vertraglicher Due Diligence. Die Kommission weist zudem auf eine Randgruppe hin, die mehr als 1.000 Beschäftigte und weniger als 450 Millionen Euro Umsatz haben kann und damit weder im neuen CSRD-Anwendungsbereich noch formal im Cap-Schutz liegt.
Hinzu kommen offene Punkte bei der Umsetzung. EFRAGs Bericht zur Marktakzeptanz nennt begrenzte Schulung, unklare Methoden und unzureichende Tools als zentrale Hürden. Auch ein zentraler digitaler Datenraum fehlt bislang, der die Wiederverwendung der Angaben verbessern würde.
Sechs Schritte zum ersten Bericht nach VSME und Voluntary Standard
Ein tragfähiger Einstieg bleibt anfangs schlank und wächst später. Die folgenden Schritte fassen zusammen, was die offiziellen Texte und die EFRAG-Materialien für die Praxis nahelegen.
- Mit dem Basic Module starten: Ordne zuerst vorhandene Datenquellen den Grundangaben zu und prüfe erst danach, welche zusätzlichen Offenlegungen dein Markt wirklich verlangt.
- Datenhaushalt vom Großen ins Kleine aufbauen: Lege fest, welche Kennzahlen regelmäßig verfügbar sind, etwa Energie, Emissionen, Wasser, Abfall, Arbeitsunfälle, Trainingsstunden oder Governance-Angaben. Danach definierst du Quellen, Verantwortliche, Berichtsgrenzen und Kontrollpunkte.
- An den Jahresabschluss koppeln: Der Standard empfiehlt eine Berichtsperiode konsistent zum Finanzabschluss und verlangt ab dem zweiten Jahr Vergleichsinformationen. Verknüpfe ESG-Daten deshalb eng mit Finance, HR, Einkauf und Standortdaten.
- Anfragen gegen Anhang II spiegeln: Anhang II listet die vom Value Chain Cap erfassten Angaben, getrennt nach Unternehmen mit bis zu 10 und mit mehr als 10 Beschäftigten. Wer die Liste kennt, kann überzogene Anfragen fachlich eingrenzen.
- Digitale Vorlagen nutzen und einordnen: EFRAG stellt ein Digital Template, eine XBRL-Taxonomie und einen kostenlosen Konverter bereit. Die Excel-Lösung unterstützt allerdings keine Vergleichsinformationen und keine integrierte THG-Berechnung.
- Auslassungen (Omissions) und Konsistenz regeln: Der Standard erlaubt in engen Grenzen, sensible Informationen wegzulassen, verlangt dann aber Transparenz über die genutzte Ausnahme und eine erneute Prüfung zu jedem Berichtsstichtag.
Der Nutzen entsteht dort, wo du den Standard nicht als Nebenprojekt des Nachhaltigkeitsteams führst, sondern als unternehmensweiten Minimalstandard für belastbare ESG-Daten. Du brauchst dafür keine perfekte Nachhaltigkeitsarchitektur, sondern eine klare Modulwahl, einen abgegrenzten Datensatz und einen jährlichen Prozess.
Weiterbildung zu VSME und Voluntary Standard
Die Anforderungen aus Bankenrating, Lieferantenaudit und Kundenanfragen wachsen schneller, als viele Teams intern Wissen aufbauen können. Wer den Standard sicher beherrscht, beantwortet Anfragen von Banken und Großkund:innen effizient und weist unzulässige Nachfragen fundiert zurück.
Genau dort setzt unser Seminar „VSME & Voluntary Standard (VS) für KMU“ an. Du erarbeitest die Module und die Kennzeichnungslogik der Datenpunkte, klärst die Abgrenzung zu ESRS, CSRD und GRI und steigst in die CO2-Bilanzierung nach Scope 1, 2 und 3 ein. Dazu kommen ein schlankes Datenmanagement, die Wesentlichkeitsanalyse, die DNK-Eingabemaske und praxiserprobte Vorlagen für deinen ersten Bericht.
Wenn du Nachhaltigkeit darüber hinaus strukturell im Unternehmen verankern willst, findest du in unserem Kursangebot zum Nachhaltigkeitsmanagement weitere Angebote, etwa zur Wesentlichkeitsanalyse, zum ESG-Management und zu Prozessen und Rollen im Mittelstand.
FAQ zu VSME und Voluntary Standard
Was ist der VSME-Standard?
Der VSME ist ein freiwilliger Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung, den EFRAG im Dezember 2024 für nicht börsennotierte KMU veröffentlicht hat. Er strukturiert Nachhaltigkeitsinformationen in einem Basic Module und einem Comprehensive Module und lehnt sich inhaltlich an die ESRS an, ohne deren volle Komplexität zu verlangen.
Für wen gilt der neue Voluntary Standard?
Der am 3. Juli 2026 per Delegated Act verabschiedete Voluntary Standard richtet sich an Unternehmen mit höchstens 1.000 Beschäftigten. Er soll für Geschäftsjahre ab dem 1. Januar 2027 gelten und tritt nach Veröffentlichung im Amtsblatt in Kraft.
Was bedeutet der Value Chain Cap?
Der Value Chain Cap ist die Obergrenze dessen, was CSRD-berichtspflichtige Unternehmen zu Zwecken der Nachhaltigkeitsberichterstattung von kleineren Geschäftspartner:innen anfordern dürfen. Für Unternehmen mit 10 Beschäftigten oder weniger fällt er enger aus. Anfragen aus Finanzierung oder vertraglicher Due Diligence deckt er nicht ab.
Ist die Berichterstattung nach VSME Pflicht?
Nein. Beide Standards sind freiwillig. In der Praxis entsteht der Druck jedoch über Geschäftspartner:innen, Banken und Investor:innen, die ESG-Daten für Risikobewertung, Offenlegungen und Finanzierungsentscheidungen anfordern.
Welcher Aufwand entsteht bei der Einführung?
Die EFRAG-Kosten-Nutzen-Analyse rechnet im ersten Jahr mit negativen Nettoeffekten, weil Datenhaushalt, Prozesse und Zuständigkeiten erst aufgebaut werden. Die Einsparungen entstehen später durch weniger individuelle Fragebögen und wiederverwendbare Angaben.
