Mutig sprechen – zwischen Smalltalk und Substanz
Mut fassen heißt, Ziele in Worte zu fassen. Probiere es einfach mal aus. Denn oft entsteht der erste Schritt genau in dem Moment, in dem wir aus einem Gedanken ein klares „Ich will“ machen.


Mutig sprechen – zwischen Smalltalk und Substanz
Worte wirken sofort. Noch bevor wie eine Aussage verstanden und verarbeitet haben, fühlen wir sie: 60% der wahrgenommenen Botschaft beruht auf nonverbalen Signalen. (Quelle: Mehrabian, A. 1971. Silent Messages: Implicit Communication of Emotions and Attitudes.)
Unser limbisches System und unsere Spiegelneuronen registrieren subtile Hinweise unseres Gegenübers. Wie verrät der Tonfall? Was sagt die Körpersprache? Bereits in diesem Moment entscheiden wir uns unterbewusst für Vertrauen – oder Verteidigung. Erst danach analysieren wir: Was wurde überhaupt gesagt? Mit welchen Worten?
Worte formen Wirklichkeit
Sprache ist mehr als nur Information – sie ist Haltung in Bewegung. Sie zeigt, was wir denken: über andere, aber auch über uns selbst. Hör’ dir einmal zu, wenn du ein Selbstgespräch führst. Zischst du dir häufig ein zynisches „Ganz toll gemacht!“ zu? Oder lobst du dich mit einem „Das lief super!“, heimlich, selten, aber aufrichtig? Wie du mit dir selbst sprichst, prägt, wie du mit anderen sprichst. Sei’ also mutig – sei’ nett zu dir selbst! Das macht vieles leichter. Auch die Kommunikation mit anderen.
„Worte sind keine Spiegel, sie sind Rahmen. Sie entscheiden, was wir wahrnehmen.“
(Georg Lakoff, Don’t Think of an Elephant!, 2004)
Geht es bei mutiger Sprache also darum, immer nett und positiv zu sein? Keineswegs. Es geht auch nicht darum, immer der Erste zu sein. Mit der größten Wortflut. Und der schärfsten Kritik.
Was macht mutige Sprache aus?
1. Sie ist klar, aber nicht kalt.
Mutige Sprache vermeidet Floskeln und Andeutungen. Wer mutig spricht, formuliert nachvollziehbar – und nachprüfbar. Ein „Ich brauche bis morgen eine Entscheidung“ ist ehrlicher und effizienter als ein „Wäre schön, wenn wir da vielleicht bald was hätten.“ Klarheit ist kein Mangel an Freundlichkeit, sondern ein Ausdruck von Respekt: Sie zeigt, dass man den anderen ernst nimmt.
2. Sie fragt, statt zu behaupten.
Mutige Sprache sucht den Dialog, nicht die Bestätigung. Anstatt Thesen aufzustellen und Aussagen zu verurteilen, lädt sie ein, Perspektiven zu teilen. Ein „Das funktioniert nicht“ funktioniert nicht. Ein „Kannst du genauer erklären, wie du dir das vorgestellt hast?“ schon eher. Denn es signalisiert Kooperation statt Konfrontation – und Beteiligung statt Blockade.
3. Sie benennt, ohne zu beschuldigen.
Mutige Sprache sagt, wie es ist – ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Es geht nicht um „Du bist schuld daran, dass das Projekt sich verzögert“ – sondern um „Wir hinken hinterher, lass uns überlegen, wie wir das gemeinsam aufholen“. So wird aus vermeintlichem Gemecker ein Gespräch. Und das Chaos wird als Chance begriffen.
4. Sie erfordert Verletzlichkeit – und signalisiert Vertrauen.
Mutige Sprache macht verletzlich. Denn wer sagt, was er denkt, riskiert Widerspruch, Ablehnung und Kritik. Gleichzeitig signalisiert genau das Vertrauen in die eigene Position – und in das Gegenüber. Aussagen wie „Ich sehe hier ein mögliches Problem. Wie schätzt ihr das ein?“ sagen deutlich: Ich traue mich, meine Perspektive zu zeigen. Und würde eure gerne hören.
Weniger reden, mehr sagen
Unsere Welt ist geprägt von Geschwindigkeit, Druck und kommunikativem Multitasking: Wir hören, tippen, scrollen, sprechen – und verlieren dabei schnell, was wir eigentlich sagen wollen. Sprache wird zum Reflex: Hauptsache, man hat überhaupt irgendetwas geantwortet und irgendwer hat’s gehört.
Mutig zu sprechen bedeutet, sich Zeit zu nehmen: Um zuzuhören, zu reflektieren und unsere Worte so zu wählen, dass sie wirken. Dazu braucht es keine große Bühne. Es braucht nur Aufmerksamkeit: Das Innehalten vor einer Antwort, das Überdenken einer Aussage – und die Gelassenheit, auch einmal nichts zu sagen, solange die richtigen Worte noch fehlen.
Vielleicht ist das die einfachste Form von Mut überhaupt: Nicht mehr zu reden, um gehört zu werden – sondern zu sprechen, um verstanden zu werden.





























