Woher kommt der Mut?
Zwischen Hashtags und Heldensagen: Warum echter Mut heute selten ist – und trotzdem wichtiger ist als je zuvor.

„Du bist aber mutig, dass du in etwas beißt, was du gar nicht kennst,“ sagte neulich eine Freundin zu mir. Ich hatte gerade beim Italiener an der Ecke den orangefarbenen Anhang einer Jakobsmuschel probiert. „Aber du weißt schon“, erwiderte ich, „dass Menschen dieses Teil, das man auch Corail nennt, seit 4.000 Jahren als Spezialität essen, oder?“ Ihr entsetzter Blick glättete sich nur langsam.
Wieder einmal wurde mir klar, dass der Begriff „Du bist aber mutig!“ im Deutschen meistens mit nichts Positivem verbunden ist. Im Gegenteil. Er wird oft verwendet statt „Das ist aber riskant!“ oder gar „Das ist doch gefährlich!“. „Mut“ wird schnell gleichgesetzt mit den erst recht negativen Begriffen „Wagemut“ oder „Übermut“. Letzteren gibt es zum Beispiel im Spanischen gar nicht. Er wird dort – wenn überhaupt – mit „Arroganz“ übersetzt.
Mut hat heute viele Gesichter. Glaubt man den sozialen Medien, gilt schon als mutig, wer seinen Job kündigt, um durch Asien zu reisen. Der Begriff hat gelitten.
Und doch gibt es ihn, den anderen, stillen Mut.
Menschen, die Zivilcourage zeigen, wenn es unbequem wird. Pflegekräfte, die in einer Pandemie einfach weitermachen. Whistleblower, die zum Wohl der Allgemeinheit ihre Sicherheit riskieren.
All das nennen wir Mut – und doch liegen zwischen diesen Formen Welten. Was also ist Mut wirklich? Woher kommt das Wort, und wie hat sich seine Bedeutung verändert? Zeit für eine Einordnung.

Mut hat viele Gesichter – von Hercules bis Jeanne d’Arc.

Die Heldenreise – ein altes Drehbuch
Seit Jahrhunderten erzählen wir Geschichten von Mut – und sie klingen erstaunlich ähnlich. Da sind die Mythen von Herkules, der Löwen besiegt; von Jeanne d’Arc, die sich gegen Könige stellt; von Odysseus, der in den Sturm segelt. Mut war lange laut, heroisch, meist männlich. Er trug Rüstung, hatte ein Pferd und eine klare Mission.
Erst viel später kam eine andere Form hinzu. Die, die keine Bühne braucht. Die, bei der man nicht klatscht. Coco Chanel, die Frauen aus Korsetts befreite. Sophie Scholl, die sich mit Flugblättern gegen ein Regime stemmte. Oder Nelson Mandela, der für seine Überzeugung Jahrzehnte im Gefängnis saß und dennoch an Versöhnung glaubte. Vielleicht beginnt moderner Mut genau dort – nicht in der Tat, sondern im Innehalten.

Mut zum Wandel: Coco Chanel befreite Frauen aus
ihren Korsetts.
Zwischen Kino und innerer Klarheit
Unser heutiges Bild von Mut ist weniger vom Leben geprägt als von seinen Inszenierungen. Im Kino ist Mut der große Auftritt: ein Sprung von der Klippe, begleitet von donnernden Trommeln und in Zeitlupe. Auf Social Media zeigt er sich als Selbstbekenntnis mit Hashtags wie #NoFear oder #BeBrave. Mut ist zum ästhetischen Format geworden: leicht konsumierbar, emotional, aber folgenlos. Der heute häufig verwendete Begriff „Gratismut“ trifft das recht gut. Doch wo Mut zur Show wird, verliert er Tiefe.
Die Generation unserer Eltern verstand Mut als Verantwortung – durchhalten, anpacken, weitermachen. Heute wird Mut oft mit Aufbruch verwechselt: Hauptsache anders, Hauptsache jetzt. „Mach, was du fühlst“ klingt befreiend, bleibt aber leer, wenn das Gefühl keine Richtung kennt.
Echter Mut hat immer Konsequenzen – für uns selbst und für andere. Er beginnt nicht mit Bewegung, sondern mit Bewusstsein. Mut bedeutet, zu verstehen, bevor man verändert. Er braucht weniger Tempo als Klarheit – die Fähigkeit, innezuhalten und zu begreifen, was auf dem Spiel steht.
Doch genau das fällt uns schwer. Viele spüren, dass sich etwas ändern muss, und verwechseln Schnelligkeit mit Entschlossenheit. Sie kündigen, ziehen um, starten neu – nicht, weil sie wissen, wohin sie wollen, sondern weil sie nur wegwollen. Aber Mut ist kein Reflex. Er beginnt nicht mit Flucht, sondern mit Richtung. Bevor wir springen, sollten wir wissen, wohin – sonst verwechseln wir Veränderung mit Fortschritt und Bewegung mit Sinn.
Von Samurai bis Sisu
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Stille Stärke
Mut muss nicht die Welt verändern. Oft zeigt er sich in kleinen, aber unbequemen Momenten: wenn wir ehrlich sind, uns entschuldigen, Hilfe annehmen, Nein sagen. Manchmal ist er nur die Entscheidung, sich selbst nicht länger aus dem Weg zu gehen. In einer Gesellschaft, die Lautstärke mit Stärke verwechselt, ist dieser leise Mut vielleicht die beste Form überhaupt.
Vielleicht müssen wir Mut neu denken – weg von den Helden, hin zum Menschen. Mut ist kein Zustand, sondern eine Haltung. Und er verändert selten alles auf einmal. Aber er verändert immer etwas – und manchmal ist genau das der Anfang neuer Möglichkeiten.



























