In Verhandlungen entscheiden nicht nur Fakten, sondern psychologische Effekte. Drei Denkfehler treten besonders häufig auf: der Ankereffekt, der Fix-Pie-Error und Reaktanz unter Druck. In diesem Beitrag lernst du, wie diese psychologischen Fehler in Verhandlungen wirken – und welche konkreten Methoden du nutzen kannst, um bessere Ergebnisse zu erzielen.
Als Verhandlungstrainer und Verhandlungswissenschaftler erlebe ich in Trainings immer wieder psychologische Fallstricke, die optimale Verhandlungsergebnisse verhindern. Sie kosten Marge, verengen Spielräume und lassen Potenzial auf dem Verhandlungstisch liegen. Die gute Nachricht: Wer diese Effekte bewusst erkennt, kann sie gezielt minimieren oder neutralisieren. Einen systematischen Überblick zu den wichtigsten psychologischen Mechanismen – vom Ankereffekt bis zur Reaktanz – findest du auf Verhandlungswissen.org mit Modellen und Beispielen.
Ankereffekt in Verhandlungen: Die erste Zahl bestimmt unbewusst den Rahmen
Der erste Preis oder die erste Zahl prägt den weiteren Verlauf der Verhandlung stärker, als die meisten glauben. Wissenschaftlich „Anker“ genannt, werden wir durch diesen in unseren Erwartungen der machbaren Verhandlungsergebnisse manipuliert, so dass durch extreme Forderungen der Gegenseite der Abschluss für uns systematisch schlechter wird. Selbst erfahrene Verhandler:innen trifft dieser Effekt. Wer keinen eigenen Anker setzt, überlässt der Gegenseite damit faktisch die Definitionsmacht über den wirtschaftlichen Rahmen der Verhandlung.
So vermeidest du’s:
- Setze selbst den Anker: Formuliere eine erste, ambitionierte, aber plausibel begründbare Zahl. Nenne eine rationale Begründungskette (Marktvergleich, Wertbeitrag, Kapazitätslage), damit der Anker als „realistisch“ geframt wird.
- Bereite dich auf deinen Anker vor. Wenn der andere schneller ist, dann ankere sofort gegen.
- Entschärfe fremde Anker aktiv: Label den Versuch „Interessanter Vorschlag – Wie genau kommen Sie auf diese Zahl?“.
Fix-Pie-Error: Nullsummenfalle in Verhandlungen
Viele Verhandler:innen fallen in die Nullsummenfalle: Sie sehen nur Preis gegen Preis, Zeit gegen Zeit, d.h. das Aufteilen des Kuchens. Das gezielte Vergrößern des Kuchens, das Einbeziehen von wertsteigernden Elementen, wie, z.B. Zahlungsplan, Software-Updates, Service-Level, Lieferflexibilität bleibt oft ungenutzt. Ergebnis: Verhandlungen sind ein zähes Tauziehen, bei dem Positionen zähneknirschend von der anderen Seite angenommen werden müssen – kein Rezept für nachhaltige Geschäftsbeziehungen. Der Fix-Pie-Error ist einer der teuersten Denkfehler in Verhandlungen. Er führt dazu, dass beide Seiten zwar „gewinnen wollen“, aber in der Realität Wert vernichten. Erst wenn sich beide Seiten systematisch zusammensetzen und flexibel nach Lösungen suchen, entstehen tragfähige Win-Win Abschlüsse.
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Erfolg in einer Verhandlung ist trainierbar. Verhandelst du häufig, stehst du oft vor Herausforderungen und schwierigen Situationen. Daher ist es wichtig, das eigene Wissen und Verhalten stetig zu überprüfen und deine Verhandlungsstrategien zu optimieren. Verbessere dein Verhandlungsgeschick, um Gegner:innen zu Partner:innen zu machen und auch unter schwierigen Bedingungen stabile Vereinbarungen zu erzielen. Neue Erkenntnisse aus der Gehirnforschung erleichtern dir das Verhandeln in schwierigen Situationen.
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So vermeidest du’s:
- Vorbereitung: Liste vorab 10–15 handelbare Dimensionen (z.B. Termine, Zahlungsmodalitäten, Abnahmevolumen, Exklusivität, Schulungen, Datenzugang, Referenzen, Garantien, Servicefenster, etc.).
- „Warum?“-Fragen: „Was macht diesen Umstand für die Gegenseite attraktiv?“.
- Baue Brücken, die Wert schaffen: Tausche Dinge, die dich wenig kosten, dem anderen aber viel bringen (z. B. Onboarding-Workshop, Reporting, Pilotlauf).
- Dokumentiere Trade-offs (bewusste Tauschgeschäfte) sichtbar: Führe Protokoll, in dem Zugeständnisse und Gegenwerte notiert sind. Das diszipliniert beide Seiten und verhindert einseitiges Entgegenkommen.
Reaktanz in Verhandlungen: Druck erzeugt Gegendruck und blockiert Lösungen
Unter Druck wollen wir recht behalten. Druck erzeugt jedoch meist Gegendruck. Das blockiert Lösungen, verschlechtert Ton und Tempo und erhöht die Abbruchwahrscheinlichkeit. Reaktanz verengt die eigenen Möglichkeiten. Wer das nicht aktiv durchbricht, verhandelt nic
So vermeidest du’s:
- Wechsle bewusst in den Perspektiven-Modus: Behandle deine eigene Position nicht als die „eine Wahrheit“, sondern als Annahme, die überprüft werden muss „Ist mein Verhandlungspartner hier wirklich festgelegt, oder gibt es Spielraum?“.
- Entkopple Druck von Entscheidung: Gib Druck nicht nach. Druck wird sehr oft aus Schwäche ausgeübt. Triff unter Druck keine Zusagen. Bitte dir Bedenkzeit aus. Schlage dann mögliche Alternativen vor: „Was wäre, wenn wir es so machen?“.
- Fragen statt Rechtfertigen: Ersetze Verteidigungsimpulse durch Fragen „Wie können wir das sonst noch lösen, damit Sie Ihre Ziele erreichen?“.
Praxis-Tipps: So bleibst du mental souverän
- Anker zuerst im Kopf setzen, dann im Raum: Lege deinen Zielanker innerlich fest, bevor du in die Verhandlungen gehst. Wer mental ungeankert startet, wird fast immer vom ersten externen Reiz gesteuert.
- Gefühle labeln, nicht bewerten: Benenne emotionale Spannungen bewusst für dich: „Hier baut die Gegenseite Druck auf, wie reagiere ich darauf?“.
- Reaktanz aktiv durchbrechen: Gehe nicht auf Druck ein, sondern schlage der anderen Seite alternative Lösungen vor.
- Fix-Pie gezielt sprengen: Wenn der Austausch nur noch um „mehr oder weniger“ kreist, formuliere bewusst eine neue zusätzliche Dimension („Was wäre, wenn wir den Preis kurz ausklammern und über Aspekte sprechen, die sonst noch relevant sind?“). Damit verlässt du die Nullsummenlogik.
- Psychologische Pausen einsetzen: Schweigen nach Forderungen aktiviert beim Gegenüber inneren Rechtfertigungsdruck – viele Menschen beginnen dann unbewusst nachzugeben oder Informationen nachzuschieben.
Fazit: Psychologie entscheidet wesentlich mit über Verhandlungserfolg
Verhandlungen scheitern auch an psychologischen Reflexen. Der Ankereffekt verschiebt unbemerkt Bewertungsmaßstäbe, der Fix-Pie-Error vernichtet systematisch Wert, und Reaktanz blockiert Lösungsdenken ausgerechnet dann, wenn es am dringendsten gebraucht wird. Wer diese Effekte nicht erkennt, verhandelt faktisch gegen die eigene Wahrnehmung.
Professionelle Verhandlungsführung beginnt deshalb nicht mit Taktiken, sondern mit psychologischer Selbstkontrolle. Wer psychologische Fehler in Verhandlungen erkennt, verhandelt souveräner und erzielt bessere Ergebnisse.“ Erst wenn Anker bewusst gesetzt, Denkfehler aktiv hinterfragt und emotionale Widerstände gesteuert werden, entsteht echte Verhandlungssouveränität. Psychologie ist kein weiches Zusatzthema – sie ist ein wichtiges Element jeder wirtschaftlich erfolgreichen Verhandlung.
Mini-FAQ
Was ist der Ankereffekt in einer Verhandlung?
Der Ankereffekt in Verhandlungen beschreibt, dass die erste Zahl oder Forderung den weiteren Verlauf stark beeinflusst – selbst wenn sie unrealistisch ist. Wer keinen eigenen Anker setzt, lässt der Gegenseite oft den Rahmen der Verhandlung.
Was bedeutet Fix-Pie-Error?
Der Fix-Pie-Error ist der Denkfehler, dass Verhandlungen als Nullsummenspiel gesehen werden („Gewinnen vs. Verlieren“). Dadurch werden Chancen auf Win-win-Lösungen wie Service, Laufzeiten oder Zusatzleistungen oft übersehen.
Wie wirkt Reaktanz in Verhandlungen?
Reaktanz in Verhandlungen entsteht, wenn sich Menschen durch Druck oder Einschränkungen bevormundet fühlen. Das führt häufig zu Widerstand, Trotzreaktionen und schlechteren Ergebnissen – obwohl Lösungen möglich wären.
Wie kann man psychologische Manipulation erkennen?
Psychologische Manipulation erkennst du oft an extremen Einstiegsforderungen (Anker), Zeitdruck, Schuldzuweisungen oder dem Versuch, dich emotional zu steuern. Hilfreich ist, bewusst nachzufragen, Pausen zu setzen und eigene Ziele klar vorzubereiten.