Beten, Arbeiten, Posten – Digitalisierung hinter Klostermauern

Klöster gelten seit jeher als Oasen der Ruhe. Gestresste Führungskräfte ziehen sich hierhin zurück, um abzuschalten und Kraft zu tanken. Gleichzeitig macht die Digitalisierung auch vor Klostermauern keinen Halt. Längst nutzen Ordensleute das Internet zum Arbeiten und entdecken soziale Netzwerke für geistliche Pflichten. Was wir von der klösterlichen Digitalisierung lernen können?

Nur auf den ersten Blick ist Digitalisierung hinter Klostermauern ein Widerspruch

Zuerst konnte Schwester Barbara mit der Facebook-Einladung einer befreundeten Nonne nicht viel anfangen. Unbeantwortet blieb die Anfrage in ihrem Postfach, bis sich die Ordensschwester ein Herz nahm und das Experimente wagte. Schnell war sie begeistert von dem neuen Weg der Kommunikation. Heute, fast sechs Jahre später, bloggt die Öffentlichkeitsarbeiterin der Dominikanerinnen von Bethanien ganz selbstverständlich über das klösterliche Leben und schätze den digitalen Austausch zu religiösen und weltlichen Themen.

Auf den ersten Blick erscheinen ein Leben nach jahrhundertalten Klosterregeln und die schnelllebige Digitalisierung als Widerspruch. Doch weit gefehlt, selbst vor Klostermauern machen moderne Kommunikationswege kaum halt. „Gerade junge Ordensleute nutzen das Internet inzwischen selbstverständlich. Wir studieren im Netz, verwalten die klösterlichen Betriebe digital oder halten über die Sozialen Medien Kontakt zu Freunden und Familie“, erklärt Schwester Barbara.

Nach dem letzten Gebet wird offline und online geschwiegen

Diese digitale Alltäglichkeit sorgt ähnlich wie außerhalb der Klostermauern auch in der geistlichen Welt für Debatten. Ein wichtiges Thema ist die Vereinbarkeit zwischen digitalen Leben und Klostertraditionen. In den Benediktinerregeln steht zum Beispiel, dass nach dem letzten Gebet geschwiegen werden soll. Ob Email-Schreiben oder Chatten darunter fällt, wird eifrig diskutiert. Auch bei den Dominikanerinnen von Bethanien wird nach dem Abendgebet geschwiegen.

Allerdings kann sich jede Schwester den Zeitpunkt für ihre geistliche Einkehr selbst wählen. Weil viele intensive Netz-Debatten erst in den Abendstunden Fahrt aufnehmen, nutzt Schwester Barbara diese Flexibilität gerne. Flexible Arbeitszeitmodelle lassen grüßen.
Andere mittelalterliche Vorgaben lassen sich sogar direkt auf die moderne Kommunikation übertragen. So sind die Dominikaner von je her ein Prediger-Orden.

Ihre Aufgabe war es schon immer das Gespräch mit den Menschen zu suchen. Facebook ist weltweit 1,5 Milliarden Nutzer ein guter Ort für ein solches Vorhaben. „Bei Facebook oder per Mail werde ich häufiger angesprochen als auf der Straße. Das liegt vielleicht daran, dass die Leute erst einmal still mitlesen können, was ich schreibe, bevor sie aus der Deckung kommen und mitdiskutieren. Sie müssen auch nur so viel von sich preisgeben, wie sie wollen“, berichtet die Nonne. Auch die niedrigschwellige Seelsorge im Netz spielt für die Ordensschwestern eine wachsende Rolle.

Ein starkes Gebet als Ausgleich zum digitalen Leben

Gleichzeitig darf natürlich die Online-Kommunikation nicht zur Geschwätzigkeit werden, gibt Schwester Barbara zu bedenken. „Eine dominikanische Regel besagt, dass unsere Predigt aus dem Gebet kommen soll. Das kann man auf das Internet übertragen: Ich brauche ein starkes Gebetsleben und muss mir genug Zeit zum Schweigen nehmen, um im Netz schreiben zu können“, sagt sie.

Außerhalb der Klostermauern würde man wohl von einer „Work-Life-Balance“ sprechen. Arbeit, Ruhe und Gebet haben im Kloster ihren festen Rhythmus. Unbegrenzte Erreichbarkeit auch nach Feierabend und am Wochenende gibt es hier nicht. Natürlich lassen sich Klosterregeln schlecht auf den eigenen Alltag übertragen. Partner und Kinder reagieren auf ein selbstauferlegtes Schweigen am Abend wahrscheinlich eher irritiert.

Von etwas Zeit für Selbstreflexion, Ausgleich und Regeneration profitiert man aber nicht nur hinter Klostermauer. Tatsächlich macht ein regelmäßiger Ausgleich sogar kreativer und produktiver. Beispielsweise mit Yoga am Morgen und Abend, durch ein reges Familienleben oder ein gutes Buch – wie dieser Ausgleich gestaltet werden kann, bleibt jedem überlassen.

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