Hürde Berufseinstieg: Bindet junge Frauen stärker ein!

Gastbeitrag von Rea Eldem

Einstieg, das klingt, wie ein großer entschiedener Schritt, der einen scharfen Übergang markiert. Vorher – nachher. Für Mareike [1] ist dieses Konzept überholt. Für die heute 28-jährige war Berufseinstieg eher ein stetiger Übergang als ein entschiedener Schritt – Werkstudentin, Praktika, Festanstellung. Einfach war es dadurch allerdings nicht.

Eine Studie der Europäischen Kommission zeigt, dass 18% der Absolvent*innen in Deutschland nach der Ausbildung ein Praktikum machen, weitere 20% machen sogar gleich mehrere bevor sie einer Festanstellung nachgehen. Mareike zog bereits während ihres BWL-Studiums nach Süddeutschland, um ihr sechs monatiges Pflichtpraktikum im Konzern zu absolvieren. Voller Motivation startete sie in ihren ersten Job: „Ich wollte Dinge voranbringen, Veränderung schaffen und Kreativität ausleben.“

Mehr Raum für Veränderung!

Mareike merkte schnell, dass ihr Tatendrang wenig Anklang fand: „Ich habe meiner Chefin vorgeschlagen, dass ich eine qualitative Recherche mache, um herauszufinden, warum einige Stellenausschreibungen wenig Rücklauf hatten. Sie sagte zu mir: ‚Mareike, es ist toll, dass du out-of-the-box denkst – aber hier wird eh nichts passieren.‘“ Mareike wurde klar, dass ihr Können und ihre Ideen keine Resonanz finden würden, bis sie in eine Entscheidungsposition käme: „Ich hätte mindestens fünf Jahre operativ arbeiten müssen, bevor ich irgendwie strategisch mitdenken und handeln hätte dürfen.“

Tatsächlich wird in deutschen Konzernen Handlungsmacht oft im Zusammenspiel mit Alter bzw. Erfahrung verhandelt, was die Energie von jungen Mitarbeitenden oft im Keim erstickt. Das ist ein verschenktes Potenzial, denn Neuen fallen Dinge auf, die alle anderen selbstverständlich finden. Sie brillieren durch naive Fragen – und wenn man sie lässt auch durch kreative Vorschläge.

Auf der Suche nach weiblichen Vorbildern

Als Mareike nach einem halben Jahr eine Festanstellung angeboten wurde, hatte sie schon mit dem Unternehmen abgeschlossen. Neben dem engen Handlungsspielraum fehlten ihr auch inspirierende Vorgesetzte, mit denen sie sich identifizieren hätte können, sie habe „Entscheidungsträger im Konzern als männlich wahrgenommen“.

Start-ups als Vorreiter*innen in Sachen Gleichberechtigung?

Viele Berufseinsteigerinnen, für die die Strukturen im Konzern zu rigide sind, versuchen ihr Glück in kleineren Unternehmen oder auch Start-ups. Besonders die Szene der Jungunternehmer*innen Berlins repräsentiert Deutschlandweit den Millenial Traum von Sinnhaftigkeit und Anerkennung der Arbeit.  Aber sind junge Frauen in Unternehmen mit wenig formalen Strukturen automatisch besser aufgehoben?

Vorgaben, Prozesse und Kriterien?

Tatsächlich bieten wenig bis gar keine formalen Strukturen hohes Gefahrenpotenzial für Ungleichheit. Studien aus der Verhaltenspsychologie zeigen, dass alle Menschen Voreingenommenheiten haben, sie werden uns sozial antrainiert und verbergen sich im Unbewussten. Dort, wo es keine klaren Vorgaben, Prozesse und Kriterien gibt, greifen sie besonders und beeinflussen subtil – das trifft von Personalprozessen, über die Beurteilung von Leistungen der Mitarbeitenden bis zu Gehaltsvorstellungen zu.

Dass in der vermeintlich progressiven Start-up Szene Berlins Männer im Schnitt ein fünftel mehr als Frauen verdienen, ist Ausdruck von Intransparenz: Während im Konzern Gehälter zumindest in einer gewissen Bandbreite öffentlich gemacht oder tariflich geregelt werden, gibt es in kleineren Unternehmen einen größeren Handlungsspielraum. Gerade Berufseinsteigerinnen sollten sich gut auf Gehaltsverhandlungen vorbereiten.

Selbstverständlich hat die Lücke des Einkommens auch damit zu tun, dass es weitaus mehr Gründer als Gründerinnen gibt – wo wir beim nächsten Thema wären: Wem wird etwas zugetraut und wer traut sich im Umkehrschluss selbst etwas zu?

Junge Frauen dazu ermutigen, Grenzen zu setzen

„Oft werden Einsteigerinnen lange hingehalten und ihnen wird nichts zugetraut,“ sagt Mareike. Nach einem halben Jahr im Konzern entschließt sie sich dafür, in ein kleineres Unternehmen zu wechseln.

Auch hier beobachtet sie, dass junge Frauen mehr leisten müssen bis ihnen dasselbe zugetraut wird, wie ihren männlichen Kollegen. Kolleginnen scheinen darüber hinaus auch eher Aufgaben zu übernehmen, die nicht in ihrer Jobbeschreibung stehen, als Kollegen.

Dazu gehören vermeintlich bedeutungslose Aufgaben wie Kaffeekochen, Meetingräume vorbereiten, die Tür aufmachen und Gäste begrüßen. Mareike beobachtet: „Grenzen setzen und Nein sagen fällt Männern scheinbar in meinem Unternehmen leichter.“

Das Stichwort care work ist im Mainstream angelangt und es ist weitgehend bekannt, dass Frauen erheblich mehr Kapazitäten darauf verwenden, sich um andere zu kümmern als Männer. Egal ob es um Berufsbilder wie Kindererziehung, Alterspflege oder Seelsorge geht.

Während jede Einzelne in der Verantwortung ist, Grenzen zu setzen und klare Ansagen zu machen, ist vollkommen klar, dass Führungskräfte gefragt sind, eine Kultur zu etablieren, in der das gelingt.

Wer Rollen neu definieren will, braucht eine entschiedene Haltung

Vorherrschende traditionelle Stereotype erschweren die Situation: Studien zeigen, dass Frauen weniger Durchsetzungsvermögen oder Kompetenz zugeschrieben wird. Junge Berufseinsteigerinnen finden sich dadurch in Situationen wieder, in denen sie Voreingenommenheiten entgegenwirken müssen.

Dies betrifft verstärkt Frauen, die in männerdominanten Umfeldern arbeiten und somit herausstechen, wie in technischen Berufen oder auch im Management. Nochmal schwerer wird es für Frauen, die neben dem Parameter gender weitere Identitätsmerkmale aufweisen, die sie vom Rest der Belegschaft abgrenzen (wie beispielsweise ethnische Herkunft).

Veränderung durch Entscheidungen von oben vorleben

Führungskräfte können für diese Dynamiken ein Bewusstsein entwickeln und ihnen entgegenwirken – indem sie zunächst ihre eigenen Voreingenommenheiten kennen lernen und hinterfragen. Durch vorbildliches Verhalten können sie ein Exempel für eine Teamkultur auf Augenhöhe setzen, die die Beiträge jedes und jeder Einzelnen wertschätzt und anerkennt.

Zusätzlich dürfen Führungskräfte mehr an junge Frauen glauben – diejenigen, die sich auf eine Stellenausschreibung bewerben sind nämlich im Durchschnitt hochqualifiziert. Ihnen einen Vertrauensvorschuss zu gewähren gibt ihnen die Chance, ihr volles Potential einzubringen.

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[1] Namen von der Redaktion geändert.

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