The New Normal und das Ich

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Handlungsfähig bleiben in der neuen Arbeitswelt

Unsere Welt ist komplex, digital und schnelllebig geworden. Der Veränderungsdruck, der durch die zunehmende Vernetzung von Arbeitsprozessen und Digitalisierung entsteht, ist so stark, dass sich unsere Arbeitswelt revolutioniert hat und fast alle Lebensbereiche auf noch nicht absehbare Weise beeinflusst werden.

In diesem „New Normal”, werden an Unternehmen und an jeden Einzelnen von uns neue Anforderungen für den Umgang mit Komplexität und Informationen gestellt.

Erfolgreiches Handeln und individuelle Gesundheit einer Person werden wesentlich auf ihre persönliche Reife in Form des selbstgesteuerten und bewussten Umgangs mit den eigenen und den Bedürfnissen und Emotionen anderer zurückzuführen sein.

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Facetten des „New Normal”

Wie alles seine zwei Seiten hat, so entwickeln sich auch durch die neue Arbeitswelt für Konsumenten, Führungskräfte und Mitarbeitende Vor- und Nachteile, die einerseits großem individuellen Nutzen oder einem einzusetzenden Preis gegenüberstehen.

Hier einige Beispiele:

Beschleunigung
Die digitalisierten Technologien und die Vernetzung von Arbeits-prozessen haben den Zugriff und die Verwertung von Daten erheb-lich beschleunigt. Innovations- bzw. Produktentwicklungszeiten (time to market) reduzieren sich. Entscheidungen werden zügiger möglich und nötig.

Flexibilisierung der Arbeit von Ort und Zeit
Die Arbeit des Einzelnen löst sich immer mehr los von einem festen Arbeitsplatz, sie findet überall statt und ist jederzeit möglich. Arbeit- und Privatleben verschmelzen immer mehr. Anpassungen von Arbeitsformen an individuelle Bedarfe (z. B. Vereinbarkeit von Beruf und Familie) werden immer mehr möglich.

Größere Informationsvielfalt und Produktdifferenzierung
Durch schnellere Erreichbarkeit und größere Verfügbarkeit von Informationen entstehen neue Einsichtsmöglichkeiten und weitere Wahlmöglichkeiten sowohl als Produzent wie auch als Konsument. (vgl. Beschleunigung).

Förderung vernetzter Denk- und Arbeitsweise
Durch die hohe Geschwindigkeit und Vernetzung von Mensch und Information im WWW wird eine vernetzte Denk- und Arbeitskultur gefördert und löst klassische Arbeits- und Hierarchiemodelle zunehmend ab.

Neue Produktideen
Der Chip unter der Haut als Türöffner, die i-watch oder der sich selbst schließende Turnschuh – aktuelle Produktideen entsprechen neuen convenience-Erwartungen der Konsumenten.

Unternehmen sind in der Lage, neues Terrain zu erobern

Entflechtung von Produkt und Fabrikationsort – Dezentralisierung von Leistungsangeboten
Unternehmen und ihre bisher üblichen Geschäftsmodelle werden in Frage gestellt: Bisherige Großanbieter sehen sich z. B. durch die Dezentralisierung ihres eher zentral ausgelegten Leistungsangebots vor neue Herausforderungen gestellt (Strommarkt). Auch der 3D-Drucker zahlt letztlich darauf ein und bietet das Potential für größere Produktautonomie der Abnehmer.

Verwässerung von Branchengrenzen
Branchengrenzen verwässern sich zunehmend und bieten Unter-nehmen die Möglichkeit, neues Terrain zu erobern und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Kontaktvielfalt
Das Internet und soziale Netzwerke bieten ungeahnte neue Kontaktmöglichkeiten und -formen.

Den vielen, und sicherlich noch nicht vollständig aufgeführten Vorteilen stehen jedoch die folgenden Nachteile gegenüber:

Beschleunigung
Menschen müssen sich an den viel schnelleren Umschlag von Informationen und Entscheidungen gewöhnen – was dem einen besser und dem anderen weniger gut gelingt. Es geht hierbei jedoch auch um die zunehmende Informationsmenge, die einer abnehmenden Bearbeitungszeit gegenübersteht. Die Beschleunigung wirkt sich aus auf die Möglichkeit, komplexe Fragestellungen wirklich zu durchdringen und erhöht die Fehleranfälligkeit bzw. -quote. Die Antwort des Multi-Tasking ist nur eine Lösungsfantasie, die durch die Hirnforschung längst widerlegt ist (Spitzer/Hüther/Markowetz): Menschen können eigentlich nur eine Sache wirklich in den Fokus nehmen. Multitasking führt demgemäß zu einer Verbreiterung des Tuns bei einer Verminderung des Durchdringens dessen, was getan wird.

Um unsere Handlungsautonomie bei zunehmender Erreichbarkeit aufrecht zu halten, braucht es einen sensiblen und zugleich disziplinierten Umgang mit sich selbst

Flexibilisierung der Arbeit von Ort und Zeit
Dem Gewinn an Freiheit und an Erfahrungsreichtum durch Arbeitsplatz- und Arbeitszeitliberalisierung oder der Zusammenarbeit in globalisierten Teams macht neue Arbeits- und Zeitmodelle und einen anderen Umgang mit der Arbeit notwendig. Durch die Digita-lisierung entsteht ein kraftvolles Spannungsfeld zwischen Erholung und Muße, Zwänge des Erreichbar-Sein-Müssens und dem Wunsch, erreichbar sein zu wollen. Um unsere Handlungsautonomie bei zunehmender Erreichbarkeit aufrecht zu halten, braucht es einen sensiblen und zugleich disziplinierten Umgang mit sich selbst. Die Handlungsautonomie wird nämlich durch die sofortigen Beloh-nungsmöglichkeiten (instant rewarding) und die Aussicht auf neue und zusätzliche Informationen (random rewarding) aus dem Netz paradoxerweise eingeschränkt, indem diese Belohnungssysteme unsere Aufmerksamkeit an digitale Medien binden (Markowetz).

Größere Informationsvielfalt und Produktdifferenzierung
Der größeren Verfügbarkeit von Informationen und bedarfsgerecht gestalteten Produkten stehen eine zunehmende Desorientierung durch Überlastung und vermehrter Rechercheaktivität und Abwägungsnotwendigkeit gegenüber. Wo früher eine Lösung selbst entwickelt wurde, bieten sich dem Konsumenten nun maßgeschneiderte Produkte an. Seine eigene Problemlösungskompetenz bzw. Kreativität nimmt damit tendenziell ab.

Förderung vernetzter Denk- und Arbeitsweise
Zunehmender Hierarchieabbau und agile Entscheidungsprinzipien machen eine neue Führungs- und Kommunikationskultur in Unter-nehmen notwendig. Dafür braucht es ein Umdenken und ein neues Handeln, das für viele Führungskräfte jedoch auch als Macht-/ Kontrollverlust wahrgenommen werden kann. Es braucht Zeit, eine neue Haltung und Handlungsfähigkeit zu entwickeln.

Neue Produktideen
Die zunehmende ‚convenience-Haltung’ in unserem Alltag lässt unsere eigenen Kompetenzen verkümmern. Wo ein Schuh nicht mehr gebunden werden muss, vergeht weniger Zeit, aber auch weniger Anspruch an die auszubildende Feinmotorik. Wenn Telefonnummern im Handy abgelegt werden, braucht man sein Gedächtnis damit nicht zu belasten, aber auch nicht zu trainieren.

Entflechtung von Produkt und Fabrikationsort – Dezentralisierung von Leistungsangeboten
Das Risiko des Arbeitsplatzverlustes und struktureller Arbeitslosigkeit nehmen zu. Die erlebte Sicherheit nimmt ab. Firmen müssen sich neu er!nden – oder sterben.

Wo viele virtuelle Kontaktmöglichkeiten entstehen, entsteht auch mehr Beliebigkeit und Unverbindlichkeit

Verwässerung von Branchengrenzen
Branchengrenzen verwässern zunehmend. Alte Branchenhasen sehen zu, wie neue Anbieter sich in ihr Terrain wagen und ihre Existenz ins Wanken kommt. Auch hier nimmt das Risiko des Arbeitsplatzverlustes zu, die individuell erlebte Sicherheit ab.

Kontaktvielfalt
Wo viele virtuelle Kontaktmöglichkeiten entstehen, entsteht auch mehr Beliebigkeit und Unverbindlichkeit. Statt wechselseitigem Beziehungsangebot steht zwischen dem Ich und dem Du zunehmend mehr Technik.

Dieser Komplexität des New Normal erfolgreich zu begegnen, heißt, sich neue intra- und interpersonelle Kompetenzen aneignen zu müssen. Davon soll im Folgenden die Rede sein.

Im „New Normal” handlungsfähig bleiben
Handlungsfähigkeit für individuelles Gelingen und Wohlbe!nden im „New Normal“ besteht aus unserer Sicht aus zwei Komponenten:

1. Geschärftes Selbstgespür und gesteigerte Selbststeuerung (Im Kontakt mit sich selbst)
Gelingendes Verhalten im Kontakt mit anderen setzt kompetentes ‚Selbstgespür‘ unbedingt voraus. Hierzu gehören vier Komponenten (Vgl. hierzu die Metatheorie der Veränderung).

  • Wahrnehmung und Benennung von eigenen Erregungsmustern
    In unseren Coachings erleben wir häufig, dass Klienten viel darüber berichten können, wie „man sich fühlt, wenn …”. Sie sind häufig nicht in der Lage, ihr eigenes persönliches Erleben wahrnehmen oder beschreiben zu können. Für uns als Coaches ist dieses Erleben von außen meist deutlich wahrnehmbar und auch, wie hoch die Leistung der Klienten ist, mit vorherrschenden Erregungsmustern durch Verdrängung oder Übergehen umzugehen. Oder negativ bewertete Gefühlsäußerungen wie Angst, Ohnmacht, Scham oder Trauer nicht zu äußern.
  • Deutung von eigenen Erregungsmustern
    Weiterhin erleben wir auch, dass zwar etwas wahrgenommen und benannt wird, aber diesen Regungen keine Be-Deutung gegeben wird. Sie werden abgetan, nicht ernst genommen. Auch hier gibt es viele Abwehrstrategien, Bedürfnisse oder Gefühle im Hier und Jetzt nicht prägnant werden zu lassen.
  • Innere Herstellung eines bedeutsamen Zusammenhangs
    zwischen Gefühlen und Bedürfnissen
    Weiterhin ist es aus unserer Sicht wesentlich, den inneren Zusammenhang zwischen Gefühlen und ihrer Signalfunktion (Rosenberg) für befriedigte oder frustrierte Bedürfnisse zu verstehen.
  • Vertrauen in grundsätzliches und persönliches Gelingen
    Um mit sich und anderen gut umgehen zu können, braucht es erstens die innere grundsätzliche Zuversicht, dass das, was benötigt wird, grundsätzlich in der Außenwelt auch erreicht werden kann. Und zweitens sich persönlich zuzutrauen, das bekommen zu können, was man auch wirklich braucht.
  • Automatisierte Handlung und individuelle Selbststeuerung
    Viele Handlungen und Interaktionen laufen in unserem Alltag ohne großes Überlegen ab. Diese automatischen Reaktionen sind die Grundlage für effizientes Funktionieren und werden durch unser Denken und Fühlen ausgelöst. Hüther spricht in diesem Zusammenhang von ‚Autobahnen im Gehirn’. Neue Reaktionswege werden auch durch unseren Umgang mit der Digitalisierung gelernt und automatisiert. Um automatische Reaktionsmuster zu unterbrechen, ist es wichtig, auf Impulse bewusst zu reagieren. Dafür ist ein hohes Maß an Selbstbewusstheit und Selbststeuerungskompetenz notwendig.

2. Systemisches Wechselspiel (im Kontakt mit sich und dem anderen)

Aus systemischer Sicht wird der Kontext bedeutsam, in dem sich ein Mensch bewegt, wie er sich in bestimmten Situationen und Beziehungen steuert. Für eine besondere interpersonelle systemische Kompetenz braucht es die Fähigkeit, mit sich und mit der Umwelt so in Kontakt zu sein bzw. zu kommen, dass mit Blick auf eigene Bedürfnisse und Gefühle sowie die des anderen im systemisch-dialogischen Wechselspiel ein bestmögliches Ergebnis bzw. Erlebnis erreicht werden kann. Besonders in kritischen Situationen, z. B. Konfliktsituationen, ist es wichtig, diesen Kontakt nicht abbrechen zu lassen, sondern bedürfnisgeleiteter Lösungen für alle Beteiligte zu ‚verhandeln’.

Fazit
Die fortschreitende digitale Transformation hat unser Umfeld drastisch verändert. Im „New Normal” geht es nun darum, mit den resultierenden Vor- und Nachteilen bewusst umzugehen. Um langfristig handlungsfähig zu bleiben, ist eine geschärfte Selbstwahrnehmung und ein kontaktvolles Miteinander notwendig. Für den Einzelnen bedeutet das den selbstverantwortlichen Umgang mit sich und seinen Ressourcen. Für die Arbeit in Unternehmen ergeben sich vielfältige Ansatzpunkte für die Entwicklung von entsprechenden Rahmenbedingungen und für Personalentwicklungsmaßnahmen, seien es Teamentwicklungskonzepte, Maßnahmen der Konfliktregulation oder der betrieblichen Gesundheitsförderung.

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Über die Autoren

ist promovierte Diplom-Kauffrau. Sie arbeitet als Coach und Organisationsentwicklerin in München mit Ausbildungen u.a. bei Hephaistos, Coachingzentrum München, am IsB Wiesloch und bei der Beratergruppe Neuwaldegg. Dr. Carla Hegeler führt ihre eigne Coachingpraxis.

ist Diplom-Kauffrau, Organisationsentwicklerin und zertifizierter Coach und Geschäftsführerin in München. Sie hat sich auf die Themen Umgang mit Change und Komplexität, Führung und Förderung spezialisiert.

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