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Prozesslandkarte: Das Navigationssystem moderner Organisationen

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In vielen Unternehmen sieht die Realität so aus: Es gibt unzählige Prozesse, aber niemanden, der wirklich den Gesamtüberblick hat. Teams arbeiten nebeneinanderher statt miteinander, Verantwortlichkeiten sind unklar und Projekte geraten ins Stocken, weil niemand genau weiß, wie bestehende Abläufe ineinandergreifen. Effizientes Prozessmanagement sieht anders aus. Genau an dieser Stelle wird die Prozesslandkarte zum entscheidenden Werkzeug. In diesem Artikel erfährst du, welche Funktion sie hat, wie sie aufgebaut ist und wie Unternehmen sie gewinnbringend nutzen.

Was ist eine Prozesslandkarte?

Eine Prozesslandkarte ist eine übersichtliche, strukturierte Darstellung aller wesentlichen Geschäftsprozesse eines Unternehmens. Sie zeigt dabei nicht nur vorhandene Prozesse auf, sondern macht sichtbar, wie diese miteinander verknüpft sind. Unternehmensabläufe können so ganz einfach nachvollzogen werden. Die Prozesslandkarte bildet somit die oberste Ebene der Prozessarchitektur im Geschäftsprozessmanagement mit dem Ziel: Transparenz auf einen Blick.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen:

  • Prozessmodell: Beschreibt einen einzelnen Prozess im Detail – inklusiven Abläufen, Rollen und Tätigkeiten.
  • Prozessdokumentation: Enthält Anweisungen, Dokumente, Formulare sowie alle notwendigen Detailinformationen zur Prozessausführung.
  • Organigramm: Zeigt den Aufbau der Organisation und Hierarchien – aber keine Abläufe oder Wertschöpfung.

Aufbau einer Prozesslandkarte: Ebenen, Kategorien und Logik

Der Aufbau einer Prozesslandkarte folgt häufig einer Dreiteilung und gliedert Prozesse in drei Hauptkategorien:

Führungsprozesse

Hierunter fallen strategische und das Unternehmen steuernde Tätigkeiten, die Ziele und Richtlinien festlegen und den Rahmen für weitere Prozesse bilden.

Kernprozesse

Diese Prozesse stehen im direkten Zusammenhang mit der Wertschöpfung, z. B. Vertrieb, Auftragsbearbeitung, Produktentwicklung oder Service.

Unterstützungsprozesse

Bereiche, die notwendige Ressourcen und Infrastruktur bereitstellen, z. B. HR, IT oder Einkauf.

Abgebildet werden diese Prozesse in der Prozesslandkarte meist horizontal oder vertikal, wobei die Ebenen grafisch voneinander abgegrenzt werden.

Grafik zur Prozesslandschaft im Unternehmen mit Darstellung von Führungsprozessen, Kernprozessen und Unterstützungsprozessen. Gezeigt werden typische Abläufe wie Strategieentwicklung, Unternehmensplanung, disziplinarische und fachliche Führung sowie Kernprozesse wie Entwicklung, Einkauf und Beschaffung, Produktion und Montage. Ergänzt wird die Übersicht durch Unterstützungsprozesse wie IT, Personal und Buchhaltung.

Prozesse sinnvoll gruppieren und benennen

  • Nutze verbale Kernbotschaften wie „Kundenanfrage bearbeiten“ statt abstrakter Begriffe wie „Customer Operations“.
  •  Gruppiere logisch – entlang der Wertschöpfungskette und nicht entlang von Abteilungen.

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Beispiel für eine Prozesslandkarte

Dieses Beispiel einer Prozesslandkarte zeigt, wie eine Buchhandlung ihre zentralen Prozesse klar strukturieren kann. Die Landkarte macht sichtbar, wie Wertschöpfung entsteht – vom Sortimentsaufbau über Beratung und Verkauf bis hin zu Service und Online-Abwicklung – und wie Führungs- und Unterstützungsprozesse diese Abläufe tragen.

Führungsprozesse

  • Unternehmensstrategie und Sortimentspolitik festlegen
  • Controlling und Finanzplanung steuern
  • Qualitätsmanagement und Lieferantenbewertung sicherstellen
  • Interne und externe Kommunikation steuern
  • Compliance/Risiken managen

Kernprozesse

  1. Sortiment planen und beschaffen
    • Buchneuheiten auswählen
    • Bestellungen bei Verlagen und Großhändlern
    • Wareneingang
  2. Kunden gewinnen und beraten
    • Kundenbedarfe ermitteln
    • Buchempfehlungen geben
    • Aktionen und Veranstaltungen durchführen
  3. Produkte bereitstellen und verkaufen
    • Bücher auspacken, ggf. auszeichnen, einsortieren
    • Präsentationsflächen pflegen
    • Verkauf an der Kasse
  4. Online-Bestellungen und Click-&-Collect abwickeln
    • Online-Shop aktualisieren
    • Bestellungen bearbeiten
    • Abholungen vorbereiten
  5. Kundenservice und Reklamationen bearbeiten
    • Sonderbestellungen durchführen
    • Kundenanfragen beantworten
    • Reklamationen und Rücksendungen abwickeln

Unterstützungsprozesse

  • Personalmanagement
  • IT und Kassensysteme bereitstellen
  • Finanzen und Buchhaltung
  • Einkauf und Lieferantenmanagement
  • Facility Management

Prozesslandkarte erstellen: Vorgehen Schritt für Schritt

Schritt 1: Ziel und Scope klären

Bevor es daran geht, die Prozesslandkarte zu entwerfen, muss geklärt werden, welches Ziel mit ihr verfolgt wird.

Schritt 2: Prozessinventar sammeln

Ohne die Kenntnis aller Prozesse im Unternehmen kann keine Prozesslandkarte angefertigt werden. Darum ist es wichtig, diese zu identifizieren. Es gibt zwei Varianten, die dabei zielführend sind:

  • Top-down: Hier beginnst du bei der Führungsebene. Durch Gespräche mit den wichtigsten Führungskräften können die Haupttätigkeiten des Unternehmens herausgearbeitet werden und mithilfe dieses Wissens kannst du einzelne Prozesse definieren.
  • Bottom-up: Bei dieser Variante werden einzelne Abteilungen und Mitarbeiter:innen bzw. Abteilungsleiter:innen nach den einzelnen Prozessen befragt. Der Nachteil dieser Variante liegt darin, dass sie meist zeitaufwendiger ist und länger dauert. Der große Vorteil hingegen: Sie ist genauer.

Schritt 3: Prozesse clustern

Prozesse in Kern-, Führungs- und Unterstützungsprozesse einordnen.

Schritt 4: Visualisierung entwickeln

Für die Visualisierung eignet sich eine horizontale Darstellung der Prozesse. Dabei sollten ganz oben die Führungsprozesse in einer Reihe stehen, die Kernprozesse in der Mitte angeordnet sein und am Ende die Unterstützungsprozesse folgen.

Schritt 5: Abstimmung mit Fachbereichen

Beteiligung erhöht Akzeptanz – und die Qualität der Inhalte. Darum ist es sinnvoll, dass die Fachbereiche einen Blick auf die Prozesslandkarte werfen und Feedback geben.

Schritt 6: Publikation

Prozesslandkarte im Unternehmensportal veröffentlichen, damit alle Zugriff darauf haben. Außerdem ist es hilfreich, regelmäßig auf die Prozesslandkarte hinzuweisen und in das Onboarding zu integrieren.

Schritt 7: Pflege und regelmäßige Aktualisierung

Eine Prozesslandkarte ist ein lebendes Dokument, kein Einmal-Projekt. Darum muss sie regelmäßig aktualisiert werden.

Wofür nutze ich eine Prozesslandkarte konkret?

Die Prozesslandkarte ist weit mehr als ein hübsches Bild im Intranet – sie ist ein Steuerungsinstrument:

  • Grundlage für Prozessoptimierung und Lean-Projekte: Erst der Überblick ermöglicht gezielte Priorisierung und Optimierung.
  • Orientierung für neue Mitarbeitende: Schnelleres Verständnis der Unternehmenslogik und Schnittstellen.
  • Basis für Digitalisierungsprojekte: ERP- oder CRM-Einführungen benötigen Klarheit über Abläufe – die Prozesslandkarte liefert sie.
  • Unterstützung für Audit, Zertifizierung und Compliance (z. B. Prozesslandkarte ISO 9001): ISO 9001 fordert Transparenz über relevante Prozesse und ihre Wechselwirkungen.
  • Klärung von Verantwortlichkeiten: Die Landkarte bildet die Basis für Prozess-Ownership und Rollen im Geschäftsprozessmanagement.

Typische Fehler bei Prozesslandkarten – und wie du sie vermeidest

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht: Bei der Erstellung der Prozesslandkarte solltest du folgende Fehler vermeiden:

  • Zu viel Detail: Die Landkarte soll einen Überblick geben, nicht Prozesse modellieren.
  • Keine Einbindung der Fachbereiche: Alle relevanten Stakeholder müssen miteinbezogen werden, um zu gewährleisten, dass Prozesse vollständig abgebildet werden.
  • Einmal erstellt, nie wieder aktualisiert: Die Prozesslandkarte sollte in regelmäßigen Abständen überprüft und ggf. aktualisiert werden. Dafür ist auch eine klare Rollenverteilung wichtig: Prozessverantwortliche, Owner, QM – wer pflegt was?
  • Unklare Namensgebung: Einheitliche, beschreibende Bezeichnungen verwenden.

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Fazit: Prozesslandkarte als Navigationssystem der Organisation

Eine Prozesslandkarte bringt Struktur in komplexe Unternehmensrealitäten. Sie schafft Überblick, klärt Verantwortlichkeiten und bildet das Fundament für Prozessoptimierung, Digitalisierung und Zertifizierungen wie ISO 9001. Richtig erstellt und gepflegt, wird sie zu einem echten Navigationssystem für die Organisation – strategisch wie operativ.

FAQ zur Prozesslandkarte

Was ist der Unterschied zwischen Prozesslandkarte und Prozessmodell?
Die Landkarte zeigt die Übersicht der unterschiedlichen Prozesse, das Modell zeigt den Ablauf eines einzelnen Prozesses.

Welche Software/Tools eignen sich?
Folgende Tools eigenen sich, um eine Prozesslandkarte zu erstellen: z. B. Visio, Lucidchart und MS PowerPoint.

Wie detailliert sollte eine Prozesslandkarte sein?
Eine Prozesslandkarte sollte eine Übersicht über die Prozesse bieten. Sie sollte aber nicht ins Detail gehen und die einzelnen Schritte in den jeweiligen Prozessen abbilden.

Wie oft muss sie aktualisiert werden?
Die Prozesslandkarte sollte mindestens jährlich oder bei organisatorischen Veränderungen aktualisiert werden.

Braucht jedes Unternehmen eine Prozesslandkarte?
Eine Prozesslandkarte ist nicht vorgeschrieben, aber sie ist für fast jedes Unternehmen von Vorteil. Denn: Sie schafft Orientierung und hilft außerdem dabei Unternehmensprozesse zu optimieren und effizient zu gestalten.

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Über den:die Autor:in

Seraphina Huber

Produktmanagerin für den Themenbereich Projekt- und Prozessmanagement bei der Haufe Akademie.