Digital Detox – Abschalten im Selbstversuch

Zu viel ist zu viel. Das gilt für Zucker und Fett, vielleicht aber auch für digitale Vernetzung. Diese erleichtert zwar oft unser Arbeitsleben. Doch die permanente Erreichbarkeit weckt auch die Sehnsucht nach Entnetzung und macht Abschalten zum Trend. Ein Selbstversuch zum Digital Detox.

Digital Detox soll den Kopf befreien, kreativer machen und nebenbei noch Stress abbauen

Was wohl meine Facebook-Freunde gerade posten? Ich weiß es nicht. Essensbilder, 144-Zeichen-Posie und Push-Nachrichten versanden von mir ungelesen in den Weiten des Webs. 48 Stunden faste ich digital. Selbst die Notizen zu diesem Text habe ich handgeschrieben, am Sonntagmittag bei Kaffee, im Garten, ohne Wi-Fi. Gründe für digitales Fasten gäbe es genug, sagen die Anbieter von Detox-Seminaren. Die Offline-Zeit soll den Kopf befreien, kreativer machen und nebenbei noch Stress abbauen.

Das klingt verlockend, auch für mich als überzeugten Anhänger der vernetzten Welt. Ohne Smartphone und Laptop wäre ich in meiner Arbeit als Autor deutlich unfreier. Deshalb lebe ich „always-on“ und stehe dazu: Das Tablet liegt selbstverständlich neben dem Bett. Freunden und Followern wünsche ich abends eine gute Nacht. Gemeinsam wachen wir mit neuen Status-Updates und Nachrichten auf. Längst haben sich Kunden und Freunde an schnelle Antworten gewöhnt. Trotzdem frage ich mich manchmal, ob die Kreativität und Konzentrationsfähigkeit nicht unter der medialen Dauernutzung leidet. Schließlich kommen mir die besten Ideen beim Laufen oder Yoga und nicht mit dem Smartphone vor der Nase.

Abschalten bei Digital-Detox-Seminaren

Der Trend zum digitalen Entgiften stammt aus dem Tech-Mekka Silicon Valley. In der Geburtsstätte revolutionärer Technologien bezahlen die dauervernetzten Kreativen viel Geld für Offline-Zeit. Am Anfang der Detox-Workshops geben sie ihr Smartphone ab und erfreuen sich danach ein Wochenende lang an analogen Dingen wie Lagerfeuer, Waldspaziergänge oder Yoga. Die Anbieter versprechen durch den Verzicht auf Zeit mehr Produktivität auf Dauer. Randvoll mit neuen Ideen soll man in die digitale Welt zurückkehren.

Eine Art „Light-Version“ davon bietet die Smartphone-App „Offtime“. Sie will Online-Junkies dabei helfen, ihre Smartphone-Zeit besser zu kontrollieren. Zum Beispiel lassen sich zeitweise alle Anrufe und Nachrichten blockieren. Die App verschickt automatische Antworten. Auch Anwendungen wie Facebook lassen sich individuell abschalten.

Mit Digital Detox gegen die ständige Erreichbarkeit

Wie gut solche Detox-Ansätze in die Zeit passen, belegen Umfragen. Zwar halten laut einer Befragung der Beratungsfirma „Fittkau & Maaß Consulting“ fast 80 Prozent der Befragten das Smartphone für eine tolle Erfindung. Auf der anderen Seite fühlen sich über die Hälfte von einer ständigen Erreichbarkeit gestresst. Unter Führungskräften ist dieses Gefühl noch deutlich höher.

Früher folgten uns nur die Gedanken in den Feierabend. Dank Smartphone und Tablet kann heute die gesamte Arbeit mit nach Hause genommen werden. Ohne einen besonnen Umgang und Selbstdisziplin kann diese Entgrenzung zur Belastung werden.

Nicht umsonst wird die Digitalisierung mit einer steigenden Zahl von Burnout-Fällen und höheren Fehlzeiten durch Erschöpfung-Symptome und Stress in Verbindung gebracht. Diese Gefahr erkennen immer mehr Firmen und animieren ihre Mitarbeiter bewusst zum Abschalten. Bei Volkswagen sind E-Mails nach Feierabend unerwünscht. Autobauer Daimler lässt sogar Mails im Urlaub löschen, damit sich keine Nachrichtenflut auftürmt. Bei Microsoft darf jeder entscheiden, wann und wo er oder sie arbeitet. Dazu gibt es einen How-To-Guide mit der wichtigen Regel „Nach Feierabend abschalten“.

Meine fünf Erkenntnisse für Digital Detox im Alltag

Von Burnout und Erschöpfung fühle ich mich zum Glück weit entfernt. Trotzdem halte ich die Auseinandersetzung mit dem eigenen Online-Verhalten nach meinen 48 Stunden Enthaltsamkeit für umso wichtiger. Erstaunlicherweise habe ich an diesem Wochenende wenig vermisst. Weder die weltkritischen Facebook-Posts entfernter Freunde, noch die vorbeihuschenden Twitter-Nachrichten. Auch ausbleibende Antworten nahm mir keiner übel. Worauf ich allerdings nicht mehr verzichten könnte, ist der schnelle Zugriff auf Informationen.

Auf die Gewissheit, dass die Welt noch steht, möchte ich nicht bis zur Tagesschau warten, mir die Antworten auf brennende Fragen gleich ergoogeln. Abgesehen davon werde ich mir nun wohl öfter die Frage stellen, womit ich meine Zeit sinnvoller verbringe als mit dem Online-Sein. Allein deshalb hat sich das Digital Detox schon gelohnt.

Was möchte ich tun, statt online zu sein? Meine fünf ganz persönlichen Antworten:

  1. Kein morgendlicher Mailcheck: Statt meine Mails schon beim Frühstück zu checken, will ich zukünftig den Tag mit einer guten Tasse Kaffee und etwas Bewegung beginnen. Das macht den Kopf frei und ist gut für den Körper.
  2. Komprimiertes E-Mail-Lesen: Statt ständig Mails zu checken, arbeite ich meine Emails nur noch vier Mal pro Tag ab. In der Zwischenzeit kann ich konzentrierter schreiben und werde nicht ständig aus der Arbeit gerissen
  3. Kein Smartphone zum Mittag: Beim Mittagessen mit den Kollegen lasse ich mein Smartphone auf dem Schreibtisch liegen. Die Gespräche über das letzte Wochenende oder ausgefallene Hobbys sind deutlich spannender als die Facebook-Timeline.
  4. Kreativspaziergang: Pro Tag nehme ich mir 30 Minuten an der frischen Luft und versuche völlig zu entspannen. In diesem Ruhemodus des Gehirns kann ich meine Gedanken schweifen lassen und unbewusst Informationen neu kombinieren. So kommen mir die besten Ideen.
  5. Kein abendlicher Mailcheck: Ich beende den Tag, wie ich ihn begonnen habe. Offline. Eine Stunde vor dem Schlafengehen sind Tablet und Smartphone tabu. Das verbessert erwiesenermaßen die Schlafqualität und ich komme wieder zum Bücherlesen.

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